Alljährlich zweimal, und zwar einmal im Frühling und einmal im Spätherbst, werden die Hausfrauen von einer Krankheit befallen, für die noch kein lateinischer Name besteht.
Auf deutsch heißt sie: der Hausputz.
Es gibt, wie gesagt, den Frühjahrshausputz und den Herbsthausputz. Grade, wie es den Frühjahrsschnupfen und den Herbstschnupfen gibt. Beide Erscheinungen dürften mit dem Lauf der Gestirne, den Äquinoktien und dergleichen zusammenhängen. In Ermangelung eines lateinischen Namens gebraucht man für diese Krankheit in Luxemburg die Bezeichnung: Le’wfrarosdaag.
Sie kündigt sich einige Tage vorher durch nicht zu verkennende Symptome an. Die Hausfrau verfällt in nervöses Sinnen, macht sich an allerhand Schubladen zu schaffen, denen sie sonst nur oberflächliche Beachtung schenkt, scheint mit einem schweren Entschluß zu ringen, trifft allerlei Vorbereitungen, sichert sich Hilfskräfte, kurzum, gebärdet sich einigermaßen wie ein Nordpolfahrer, der seine Expedition vorbereitet.
Eines Morgens bricht die Krankheit aus, wie die Masern oder Nöteln. Sie ist da, sie muß ihren Lauf haben.
Das stellt der Mann zu seinem Schrecken fest, wenn er am Morgen ahnungslos sich an den Frühstückstisch begibt.
Das Eßzimmer ist ausgeräumt. Die Fenster blicken vorhanglos wie Augen ohne Lider und Wimpern, die Worte hallen ungemütlich, die Möbel sind ausgeräumt, es steht da grade noch der Eßtisch mit den nötigen Stühlen, auch er schon auf dem Sprung in den Flur oder in ein Nebenzimmer.
Die Hausfrau hat schon gefrühstückt - sagt sie - sie hat jetzt Wichtigeres zu tun. Sie streckt bei der Haustür die Hand hinaus, ob es noch regnet, denn die Polstermöbel und Teppiche müssen hinaus, sie müssen einmal wieder in der frischen Luft ausgeklopft werden, der Vacuum Cleaner tut’s diesmal nicht.
Entsetzt flüchtet der Mann in sein Arbeitszimmer und prallt an der Schwelle zurück. Sein Schreibtisch ist mit Bildern, Möbeln, Ständern umbaut, auf seinem Sofa liegt das Prunkstück der Familie, die kostbare Mädchenbüste aus zweierlei Marmor, auf dem Fußboden sind die wertvollen alten Teller - Delft, Rouen usw. - aufgestapelt, die sonst im Eßzimmer rundherum auf dem Sims der Täfelung stehen - es sieht aus, als habe es gestern abend im Haus gebrannt, und der Mann greift sich an die Schläfe, flucht leise und inbrünstig vor sich hin und nimmt sich vor, zu wüten.
Aber er weiß von früher, daß er dabei den Kürzeren zieht. Er erinnert sich, wie er damals seine Gattin zornig anfuhr: Was das heiße! Und was das für Zweck habe! Diese Putzerei sei ja der reine Luxus. Es sei ja noch alles blitzsauber gewesen und gar kein Anlaß, das Unterste zu oberst zu kehren und den ganzen Haushalt Tage lang auf den Kopf zu stellen.
Da hatte ihn seine Frau überlegen von der Seite angeblickt und gesagt, davon verstehe er nichts, und wenn man die Männer gewähren lasse, ginge die Welt in Staub unter, wie Pompeji und Herculanum, nur daß es etwas länger daure.
Also sagt er lieber nichts, drückt sich mit Duldermiene aus einem Zimmer ins andere, überall verfolgt von weiblichen Wesen, die sich Tücher um die Köpfe geschlungen haben und mit Putzlappen, Scheuerbesen, Flederwischen, Teppichklopfern auf Treppenleitern und Fensterbänken herumklettern.
Schließlich empfiehlt sich der Mann und teilt im Fortgehen beiläufig mit, er werde wohl nicht zum Essen kommen, er müsse in Geschäften nach Esch fahren und komme vielleicht erst mit dem letzten Zug zurück.
Der Hausputz geht über ihn weg, wie ein Tornado, wie eine Dampfwalze.
Und wenn er fertig ist, so nimmt der Mann heimtückisch seine Revanche. Er behauptet, er merke gar keinen Unterschied, es sei nicht sauberer, als vorher. Aber die Frau ist wieder gesund, sie nimmt ihm nichts übel, sie lächelt freundlich, schnuppert ein paar mal durchs Zimmer und fragt, ob er denn nicht merke, wie frisch alles jetzt riecht.
Er merkt es schon, aber es dauert eine Weile, bis er es eingesteht.