Irgendwo auf einem schönen alten Herrenhof zwischen Ernz und Syr sahen wir ein paar alte Nußbäume und freuten uns, daß sie im Krieg nicht gefällt und zu Gewehrschäften verarbeitet worden waren. Ich hatte mir schon vorgenommen, über den Nußbaum eine Spalte vollzuplaudern, als ich in dem schönen Werk „Das Moselland, ein Heimatbuch“ von Dr. Wirtz, Trier, die Plauderei fix und fertig vorfand. Ich gebe sie hier wieder, überzeugt, daß es die beste Reklame für das Buch ist, wenn dazu bemerkt wird, daß es mit seinen 350 Seiten und darüber eine Fundgrube bildet für alles, was einer über die Mosel wissen will.
„Zur Zeit der Schneeschmelze richtet das Hochwasser am Ufersaum der Mosel leicht eine verheerende Wirkung an. Die Wintersaat wird fortgeschwemmt, und die Wiesen werden mit Moselkies zugedeckt. Drum ließ man schon in alter Zeit das Ufer gern unbebaut und pflanzte hier den Nußbaum an. Im Mittelalter ist infolgedessen der Moselgau geradezu als Nußland schlechthin bezeichnet worden. Eine geschlossene Kette von Nußbäumen diente an der Mosel und auch in der Coblenzer Gegend am Rhein als mächtiger Eisbrecher; manche kräftige Narbe der Stämme erzählte späten Geschlechtern von zähem Widerstande gegen frostige Angriffe.
„Auch im Hofraum beim Hause finden wir die breitkronigen Nußbäume der Mosel. Die weithin durch den Boden sich hinziehenden Wurzeln entziehen der Erde vielen Nährstoff, und deshalb gedeiht unter dem dichten Schatten dieser Bäume keinerlei Frucht. Mit dieser Unfruchtbarkeit des Erdreichs unterhalb des Nußlaubdaches hängt es zusammen, daß es nach der Ansicht des Volkes im Schatten dieses Baumes nicht geheuer ist. In Pünderich z. B. herrschte der Glaube. daß alles Kraut, welches im Schatten des Nußbaumes wuchs, giftig sei.
„Doch die Frucht selbst, die Baumnuß, wird hochgeschätzt. Ein feines Öl liefert sie heute noch an einzelnen Orten der Mittelmosel den Anwohnern. Bast und Laub werden als Arzneimittel im Hause verwendet. Der Aberglaube verspricht sich sogar von den Nüssen Hilfe gegen gefährliche Seuchen. Am Johannistag pflückt man die grünen Nüsse gegen Mitternacht, reiht sie auf einen Bindfaden und trocknet sie an der Luft. Hernach werden sie in Branntwein getrunken und schützen dann vor der Cholera.
„Die hl. Hildegard von Bingen gibt in ihren physica (III 4) die folgende Anweisung: Sind die Früchte groß und reif geworden, dann haben die Blätter aller Fruchtbäume keine Heilkraft mehr, weil ihr Saft in die Früchte überging. Nimm deshalb die Blätter des Nußbaumes vom ersten Ausschlagen des Baumes bis zum Beginne des Wachsens der Nüsse, solange sie also noch unreif und ungenießbar sind. und presse den Saft der noch frischen Blätter auf der Stelle aus, wo Maden oder Würmer am Menschen fressen. Tust du dies oft, so werden sie sterben. Wachsen aber in deinem Magen Würmer, so nimm Nußbaum- und Pfirsichblätter zu gleichen Gewichtsteilen, noch ehe die Früchte an diesen Bäumen reif sind, und zerstoße sie über einem feuererhitzten Steine zu Pulver. Dieses Pulver koche mit einem Ei in einer Brühe oder mit Mehl, iß das oft, und die Würmer in deinem Magen werden sterben.
„Auf dem Hunsrück finden wir den uralten Glauben wieder, daß Menschenleben durch anderes Leben erkauft werden kann. Man öffnete eine Nuß, nahm den Kern heraus und sperrte eine ungerade Zahl Kellerasseln, die dort auch wilde Säue heißen, lebend ein, wobei man die hl. Dreifaltigkeit anrief. Die Nuß wurde dann wohl verschlossen und auf dem bloßen Leibe getragen. In ihr trockneten die Kellerasseln ein und lösten sich auf; so schwand nach dem Glauben der Leute auch die Schwindsucht des Kranken dahin.
„An Mosel und Saar glaubt man allgemein, daß ein reicher Ansatz der Nüsse zugleich ein ergiebiges Weinjahr ankündige. Etwas Richtiges ist in dieser Anschauung enthalten. Wein und Nußbaum sind Kinder des Südens, sind gleich empfindlich gegen Frost und Kälte und gedeihen nur bei mildem Klima und reichlicher Sonne. So hängt bei beiden eine ergiebige Ernte von den gleichen Witterungsbedingungen ab. Frische Nüsse und Federweißer passen vortrefflich zueinander im Geschmack; aber nicht jedes Weindorf an der Mosel ist auch ein Nußdorf. Nur dort wachsen die Nußbäume, wo die Orte ihre Gemarkung in der Flußebene haben. In solchen Nußdörfern findet man viele Speicher mit Lattendurchbrüchen, die zum Trocknen der Nüsse bestimmt waren. Der Handel kauft heute die frischen Nüsse auf, und diese Art von Speicher verschwindet von selbst, weil sie zwecklos wurden.“
Daß es an unserer Mosel eine Zeit gab, wo die Nuß sogar höher geschätzt wurde, als der Wein, darf man daraus schließen, daß die Leute von Machtum, wenn die Nüsse geraten waren, ihr Dorf vornehm „Machtum“ sonst aber ganz gewöhnlich „Mähchten“ nannten.