Original

27. April 1926

Kinder spielen die Freitreppe zum „Palast der Nation“ hinauf und herunter Nachlaufen.

Treppen!

Wenn Du an Dein Vaterhaus deutst, spielt seine Treppe in Deiner Erinnerung sicher eine Hauptrolle. Ob hoch oder niedrig, ob mit feierlichem Geländer oder nur eine bescheidene Schwelle, es war der Willkomm und der Abschied. Es war die Freistatt, wo das Gefühl des Geborgenseins begann, das Herrengefühl des Daheimseins auf eigenem Boden es war die Altane, von der aus Du ins Leben blicktest und den Platz ersahest, auf dem Du stehen würdest im Getriebe.

Die Treppe ist einer der ältesten Siege der Menschheit über die Naturgesetze. Sie ist die teelöffelweise Überwindung der Schwere, nach oben und nach unten. Sie zerbricht deren unerbittliche Wucht in Stücke und wird ihrer einzeln Herr. Divide et impera! Der Asthmatiker, der eine schiefe Ebene erschöpft und atemlos herunterrutschen würde, ersteigt mit den nötigen Pausen jede noch so steile Treppe. Der Wildbach, der nach einem Platzregen ganze Dörfer fortschwemmen würde, wird zahm und unschädlich, wenn seine Wucht stufenweise gebrochen wird.

Im Maleratelser der Sprache sitzt und steht die Treppe häufig Modell. So beispielsweise, wenn von Hintertreppen die Rede ist, oder es von jemand heißt, er sei die Treppe hinaufgefallen.

Wie es Heimatglocken gibt, so gibt es Heimattreppen. Jede Stufe daran ist Dir vertraut, jede Mulde, die die Füße von Geschlechtern in den Stein geschliffen haben, jede Fuge die sich laugsam in Jahrzehnten leer bröckelt, bis die Treppe zerfällt und mit ihr das Haus, oder bis sorgfältige Ausbesserung vom Gedeihen des Geschlechts kündet. Auf solcher Heimattreppe war es leugne nicht, wo Dir - wenn Du da draußen wurzelst - zuerst der Unterschied zwischen Er und Sie aufging, wenn Sie mit den Gespielinnen auf der zweiten Stufe von oben hockte und die gefärbten Knöchelchen warf und schob und ihre braunen oder blauen Augen eifrig den auf und ab fliegenden Würfeln folgten, damit sie sie behende einen zum andern auffing. Du wußtest und ahntest nicht, warum Du sie am liebsten bei den Haaren gezogen und zu Boden geworfen - und doch wieder gegen eine Hölle von Feinden in Schutz genommen hättest. Besinne Dich gut, es war ganz sicher auch ihrer oder Eurer oder Nachbars Treppe. Und wie Du schweren und leichten Herzens die Heimattreppe hinauf und hinunter stiegest, der Freude des Abschieds - jawohl, des Abschieds! - und des Wiedersehens voll, nach Siegen oder Niederlagen, nach Jahren, Monden, Wochen, Tagen oder Stunden, deren Du Dich rühmen konntest oder schämen mußtest.

Um die Treppen webt nicht nur das Gefühl, lärmt auch die Politik. Darum spielen so viele Treppen schöne und häßliche Rollen in der Geschichte, von der Kapitoltreppe in Rom bis zu der in Washington, über die des Pariser Palais Royal. Für uns in Luxemburg gibt es keine Treppe in der Welt, die so populär wäre, wie unsere „Märeistraap“. Könnte die unsere Geschichte schreiben, ich glaube kaum, daß wir besonders stolz darauf zu sein bräuchten. Aber interessant und lehrreich würde sie auf alle Fälle. Da stünde zum Beispiel ein Kapitel über den Einzug eines Fürstenpaares, dessen Via triumphalis auf dem Wilhelmplatz endigte, das unter samtnem Baldachin auf der Stadthaustreppe in feierlichen Thronsesseln die Huldigungen der braven Luxemburger entgegennahm. Und gleich dahinter ein Kapitel, darin erzählt würde, wie zwanzig Jahre später von derselben Treppe in feurigen Reden die Republik gepriesen wurde und dieselben braven Luxemburger den republikanischen Rednern zujubelten.

Die Treppe, die neben der des Stadthauses am zentralsten im öffentlichen Interesse steht, ist die eingangs erwähnte Kammertreppe. Auch sie könnte ein gut Teil unserer Landesgeschichte schreiben. Mit Bildern: Wie eine junge Fürst in zur Eidesleistung vor den Vertretern des Volkes die Treppe hinaufschreitet - wie aufgeregte Männer von derselben Treppe herunter Reden an die kochende Volksseele halten - und ein Idyll: Wie lachende Kinder mit unschuldigen, leuchtenden Augen dieselbe Treppe hinauf und herunter Nachlaufen spielen, unbekümmert darum, daß der „Herr Schammel“ sie schon wie oft fortgescheucht hat. Sie wissen, daß der „Herr Schammel“ nicht so bös ist, wie er sich anstellt, und so weit es von diesen spielenden Kindern auf der Kammertreppe bis zum Ernst des Lebens ist, sie sind ein wenig - ein klein wenig, aber immerhin - Sinnbild unseres Lebens.

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    Katalognummer BW-AK-014-3165