Original

29. April 1926

Wenn Du nichts Besseres zu tun hast, so beobachte einmal zwischen zehn und elf vormittags die Marktgängerinnen, die mit ihren vollen Körben heimwärts streben. Das sind die Interessanten, die zu Fuß heimgehen, in die peripherischen Viertel, wo die Mittelständler, die kleinen Beamten wohnen, denen das Stadtinnere ein Greuel, ein eigenes Häuschen mit Garten Ideal und Lebenszweck ist. Die stehen nicht an allerhand Ecken, auf die nächste Elektrische zu warten, das Fahren ist ihnen ein Luxus und der Heimweg eine Unterhaltung, eine Ausspannung, eine Viertelstunde, in der sie ihre Gedanken ausschwärmen lassen, wie Maikäser, die lange in einer Zigarrenkiste gefangen waren.

Da kommen grade ihrer zwei, junge Dinger, sicher im ersten Lustrum eines glücklichen Ehestandes. Die vollen Marktkörbe ziehen ihnen den Tragarm lang bis ans Knie, aber sie trippeln unverdrossen fürbaß und plaudern. Der Briefträger überholt sie. „Hudd der eppes fir Wohnesch?“ ruft ihm die eine nach. Er bleibt stehen, wirft sich mit einem Ruck den Briefsack nach vorn auf den Bauch und spaltet mit der Rechten das feste Gefüge des Inhalts. Er prüst rechts und links die Wände des Spaltes und sagt bedauernd: „’t aß neischt do.“ Man merkt an der Betonung, daß er den Satz dutzendmal an einem Tag, Tausende Male im Jahr von sich gibt.

„Dann aß et gudd,“ sagt die kleine Frau Wohnesch und nimmt ihre Rede wieder auf, wo das Auftauchen des Briefträgers sie unterbrochen hatte.

Sehen Sie, wäre die kleine Frau Wohnesch Tram gefahren, so hätte sie dieses kleine, immerhin aufregende Erlebnis nicht gehabt. Denn dem Briefträger draußen begegnen, das bedeutet immerhin etwas für eine nette kleine Frau, die den ganzen Tag im Haushalt zu tun hat. Sehen Sie, die Post ist für Unzählige die einzige Lotterie, in der sie spielen, und in der sie sogar gewinnen können, ohne zu setzen. Sie dürfen immer hoffen, daß von irgendwo aus dem Raum ein Anker nach dem Fleck geworfen wird, auf dem sie stehen, daß an dem Anker ein Schiff hängt, daß auf dem Schiff Leute ... Schätze ... vogue la galère! Bringt die Post nichts, gut, eine Niere. Es hat ja nichts gekostet. Bringt sie was, so ist das eine Verbindung mit der Welt. Es kann ein spanischer Schatzgräberbrief sein, oder die Anzeige einer neuen Modistin, oder eine Reklame für Wasmut’s Hühneraugenringe in der Uhr, oder der Preiskourant eines Zigarrenhändlers von der holländischen Grenze, @ eine amerikanische Glückskette, oder der Steuerze@ oder ein Wahlzirkular usw. usw. - was es auch @ es ist ein Beweis, daß man in die Welt gehört, @ man mitzählt, daß einer die Briesmarke drangewe@ hat, mit Wohnesch in Verbindung zu treten, sich @ Wohnesch in empfehlende Erinnerung zu bring@ Darum freut sich die kleine Frau Wohnesch, wenn @ auf ihrem Marktgang dem Briefträger begegnet, de@ es sind zehn Sekunden einer angenehmen Spann@ die nichts kostet. Dann geht die kleine Frau Wohn@ weiter und denkt an ihr Mittagessen, an die Butt@ Eier- und Salatpreise, an die Johannisbeerbl@ daheim im Gärtchen, und was wohl das Pfund Z@ kosten wird, wenn die Johannisbeeren reif sind @ Einkochen.

Da kommt eine andere, ältere Marktgängerin. @ sehe von weitem, wie sich ihre Lippen bewegen, @ ihre Blicke starr und bekümmert ins Leere st@ Auf ihren Mund zu ziehen sich konzentrisch d@ Sorgenfältchen und doch ist in ihrem Gesicht ein l@ Leuchten von Güte. Grade, wie sie an mir vorbeig@ höre ich sie sagen: „Fönnef an zwaunzeg ....“

Sie überschlägt das Marktgeschäft und prüft, @ alles stimmt. Sie zieht und zerrt an den Enden, @ sie zusammenzubringen. In ihren Händen we@ diese starren Enden aus Gummi - was kein M@ fertig brächte, ihr gelingt es.

Und ich denke bei mir: Warum, ja warum we@ die Frauen heutzutage alles. Arzt, Advokat, T@ bahnschaffner, Polizist, Detektiv, und warum @ wir keine Frau zum Finanzminister? Männer kö@ erwerben, aber nicht sparen. Doch, sie können @ sparen. aber immer nur auf dem Geld anderer@ Spargenies, die das richtige Drucksen, das Vierte@ jedes Hellers verstehen, waren immer die Frauen@

Gebt uns Frauen als Finanzminister und in @ Jahren ist die Weltvaluta im Gleichgewicht.

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    Katalognummer BW-AK-014-3167