Original

30. April 1926

Wenn wir in der „Luxemburger Zeitung“ diesmal einen Preis ausgeschrieben hätten für das früheste und schönste Blühen, der Wettbewerb hätte nicht leidenschaftlicher ausfallen können, als in diesen Frühlingstagen. Frühling kommt von früh. Zu oft nur ist er ein trauriger, naßkalter Spätling, aber heuer macht er seinem Namen wieder Ehre, und wenn es so weiter geht .... pst, stille, pianissimo, daß der mißgünstige Wettergott nicht wach wird und um sich schlägt.

Es fing früher, als programmäßig, an. Man mußte nur aufpassen. Die ganz dünnen, winzigen Geigentönchen, mit denen die Symphonie anhub, waren die inbrünstig amarantfarbenen Blütchen der Haselstaude. Die Schneeglöckchen setzten ein, klinglingling, Crocus, Veilchen, Primeln, Hartriegel, Kirsche, Pflaume, Zwetschge, Birne, Flieder - und dazwischen klang die Äpfelblüte auf, hell und zart, ein berauschendes Tutti, und aus dem Ösling kam, ein trotziger, stolzer Widerklang, das Echo der Ginsterblüte.

Königin Apfelblüh und Landstreicher Ginster.

Sie sagt ausgelassen: „Platz für die Königin! Ich bin die Königin! Ich blühe die Welt voll! Ich könnte mich totblühen! Wenn meine Blüten klängen, bärste die Welt vor Klang. Kommt alle an mein blühendes Herz, an das Herz eurer Königin! Und sagt in der „Luxemburger Zeitung“, daß es nicht wahr ist, was sie immer behaupten: Die schönsten Blüten seien unfruchtbar. Ich bin das Symbol der Fruchtbarkeit, und ich bin die schönste Blüte euren Gärten. Ich könnte mich totblühen! Nein, ich blühe mich tot, damit meine Schönheit zu Fruchtbarkeit werde. In einem halben Jahr blinken meine Früchte golden und rotbackig auf den Tafeln der Großen und den Tischen der Kleinen, und die Hausfrauen stecken sie in duftenden Schnitten auf ihre Torten und kochen sie zu leckerem Mus. Und die Durstigen enkquetschen ihnen prickelnden Trank. Ich bin Eure Königin der Schönheit und der Fruchtbarkeit, ich bin die, von der der Dichter singt: Gesegnet seist du allezeit - Von der Wurzel bis zum Wipfel!“

„Hoho!“ feixt der Ginster an den Südhängen der öslinger Berge. „Hoho! Philisterseele! Muß denn immer gleich etwas zum Essen und Trinken dabei sein! Ich blühe nur um zu blühen. L’art pour l’art. Hier droben auf der Heide sind wir Saft und Süßigkeit nicht gewohnt. Fragt meine Schwester, die Erika. Wir haben keinerlei Beziehung zu Küche und Keller, wir dienen der Schönheit. Der einsamen Schönheit, die sich nicht in Schaufenstern breit macht, der es vollkommen gleich ist, ob sie bewundert wird oder ob sie im Verborgenen verblüht. Wie der Hüterbub in der Verlorenheit seiner Triften versonnen seine Lieder ich und freue mich an mir selber, und mache mir nichts draus, daß aus mir nichts Ordentliches wird. Kein nützliches Glied der pflanzlichen Gesellschaft. Meine Fruchtbarkeit erschöpft sich in ein paar dünnen Schötchen, die zu nichts gut sind. Ich zerbreche mir den Kopf nicht darüber, ob Mensch und Vieh an mir etwas los haben oder nicht. Ich bin ich. Wem ich nicht gesalle, der „kann mich lassen stahn“. Ich brauche nicht gepflegt zu werden, nicht gedüngt, nicht beschnitten, nicht vor dem Frost geschützt. Wenn ich erfriere, bin ich erfroren und kann nie wieder blühen. Andere kommen nach mir und freuen sich ihrer goldnen Maientage, wie ich mich ihrer gefreut habe. Ich bin der Unnütz par excellence. Der Landstreicher, der unterm Sternenhimmel schläft und lieber einen Tag Hunger leidet, als daß er dem Bauer dreschen hilft. Doch, ab und zu helfe ich ihnen trotzdem. Wenn der Nordost und der Südwest gar zu arg durch die Mauerritzen pfeifen, dann hänge ich mich davor und schütze sie mit meinem Leib. Und wenn sie einen guten, steifen, starrnackigen Besen brauchen, um irgendwo gründlich reinzumachen, dann bin ich da. Gehorsamer Diener, Königin Apfelblüh, ich möchte mit Ihnen nicht tauschen. Ich möchte wirklich nicht, daß ich alle Frühlinge meines Lebens drunten im Tal in frisch gemisteten Gärten verblühen müßte, den Menschen zum Profit. Ich blühe lieber unnütz hier oben, die Bergeshalden hinauf, wohin nie ein Spaten, nie eine Mistgabel sich verirrt. Dafür bin ich der Landstreicher Ginster!“

Können sie denn nicht einmal da draußen in Gottes Hand vom Streiten und Disputieren lassen!

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    Katalognummer BW-AK-014-3168