Original

4. Mai 1926

Landwuel - Landwohl.

Man sollte es auch so deuten, daß den Menschen auf dem Land wohler in ihrer Haut werden muß.

Denn das ist auch so eine Wahrheit, die gedankenlos einer dem andern nachspricht: daß das Landleben das gesündeste sei von allen, Arbeit in Gottes freier Natur, einsache, bekömmliche Kost, hygienische Wohnungsoerhältnisse und dergleichen mehr, was alles dem Städter und dem Industriearbeiter abgehe, Und dann sagen sie, wir sollen uns die Bauernburschen und Mädels ansehen, wie die von Gesundheit strotzen, wie ihre Augen und Zähne blitzen vor ausgelassener Freude am Dasein, am Genießen des Lebens mit Blick und Gaumen.

So obenhin betrachtet scheint das Bild der Wirklichkeit zu entsprechen.

Sieht man näher hin, so merkt man die Übertreibung.

Die Arbeit in Gottes freier Natur ist nur bedingt gesund. Sie führt manchmal auch, und auf die Dauer immer, zu einer frühzeitigen Abnutzung des Organismus, einem Altern vor der Zeit.

Die bekömmliche Kost? Was ein junger Magen ist noch lange nicht immer betömmlich für einen alten, Speck und Dickmilch und Pellkartoffeln machen manchem alten Bauersmann tagelang zu schaffen.

Mit den hygienischen Wohnungsverhältnissen ist es oft auch nicht weit her.

Kurzum, das Landleben scheint nur bis zu einem gewissen Alter gesund zu sein, sagen wir einmal: bis zu vierzig Jahren. Mit vierzig Jahren fängt es beim gesundesten Bauer, der wirklich harte Arbeit verrichtet, so langsam zu hapern an. Das Auge glänzt nicht mehr, wie früher, in dem Maß, wie das Haar bleicher wird, werden die Zähne schwärzer, wenn nicht ganz ausfallen. Die Locken werden dünner aber die Haarbüschel in Naslöchern und Ohren werden immer dicker und länger, die Kräfte lassen nach, der Mann wird „dämpig“, der Magen schlaff, Schlaflosigkeit stellt sich ein und weicht nicht mehr, und muß schon ein Gottbegnadeter oder ein langsamer Arbeiter sein, der mit fünfundsechzig Jahren nicht nach siebzig und mehr aussieht oder dem doch jedenfalls die Ackersron nicht Buckel und Glieder krumm gezogen hat.

Die Frauen trifft es noch ärger. Eine Fünfzigerin da draußen ist eine Greisin, geht mit einem Tuch und die zahnlosen Kiefer, gebückt und untüchtig. Es gibt Ausnahmen, aber sie sind selten, wie unter den St frauen die Ausnahmen in umgekehrter Richtung selten sind.

Muß das sein?

Wäre es nicht möglich, das Leben der Bauern gesünder, wirklich gesund zu gestalten, sodaß ihnen die Vorteile des Landlebens wirklich zu etwas nutz wären. Heute wüten sie achtlos auf ihre Gesundheit ein, nur beim Arbeiten, sondern bei allen Lebensfunktionen, beim Essen, Trinken, Schlafen usw. Die Wohltaten eines regelmäßigen Bades zum Be@ und der damit verbundenen notwendigen H@ anregung sind ihnen unbekannt, das Reinhalten @ Zähne von verwesenden Speiseresten, die die@ danung durch allerhand Fermente stören, gew@ sich die wenigsten an, weil sie in der Jugend@ Zahnpflege nicht zu bedürsen glauben, einen g@ Teil des Jahres hindurch wird grade auf dem@ die verdorbenste Luft geatmet. Es wäre schon@ Wunder, wenn sich bei zunehmendem Alter die@ teile dieser Lebensweise nicht fühlbar machten.

Eine Erziehung der Landbevölkerung zur H@ im Essen, Trinken, Wohnen, in der Körper@ überhaupt täte uns um so mehr not, als bei un@ Kasernenerziehung sehlt, die anderswo die @ Landbewohner mit einem gewissen hygien@ Training nach der Dienstzeit entläßt.

Will man den Leuten den Aufenthalt auf @ Lande angenehmer machen, soll man auch nich@ nachlässigen, was ihr körperliches Wohlbefinden@ und ihre Freude am Dasein bis ins hohe Alt@ längern kann.

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    Katalognummer BW-AK-014-3171