Also auch Sie, meine weise Freundin! Auch Sie habe ich mit Handspiegel und Lippenstift über der Lüge ertappt.
Denn es ist eine, allerdings harmlose, aber doch eine Lüge, wenn Sie und Ihre Geschlechtsgenossinnen der Welt ein Kirschenmäulchen vortäuschen wollen, das Sie nicht haben.
Also ich sah Sie, wie Sie Ihre Handtasche aufschlugen, sich im Deckelspiegelchen betrachteten, den Stift herausklaubten und damit einmal, zweimal, dreimal zart an dem Rand der Oberlippe entlang strichen. Denn daraus kommt es ja hauptsächlich an. Die Accolade-Linie der Oberlippe soll schars und lebhast gegen das Weiß der Hant unter der Nase absetzen.
Warum tut Ihr das?
Um Eure Schönheit zu erhöhen?
Seid Ihr Euch nicht bewußt, daß Ihr damit Eure Schönheit der Schönheit einer Erdbeere aus Wachs oder Watte angleicht. die im Schaufenster liegt und im schönsten Anilinrot prangt, aber in die niemand hineinbeißen möchte. Es ist eine Attrappe, auf die niemand hineinfällt. Es ist ein nie geküßter Mund.
Sie werden sagen: Bildet Euch nichts ein, wir haben unsern Mund nicht nur, damit Ihr ihn küssen sollt. Er ist ein Bestandteil unsrer Schönheit, und schön wollen wir sein um jeden Preis, das ist unsre Funktion, unsre Sendung, unsre Daseinsberechtigung.
Tausendmal ja! Aber vom Schminken werdet Ihr nicht schöner. Jeder Strich mit Stift und Quasie bringt Euch der Wachsfigur näher, von der niemand sagen wird, sie sei schön. Nicht nur der Wachsfigur sondern der Leiche. Wenn Anilin das Blut und Pu die Haut ersetzen, unterscheidet Euch wenig mehr von Wachs oder Verwesung und Tod. Frau Catrelle Mendès, die mit Schwarz und Rot so energisch gegen die Unbill der Jahre ankämpft, wäre sicherlich viel schöner, wenn sie den Mut ihrer Jahrzehnte offenen Antlitzes zur Schau trüge.
Die Schminklüge aus erster Hand ist Eurerseits gelinde gesagt eine Verirrung. Sie wird zum B brechen an Euch selbst, wenn Ihr sie aus zweiter Hand übt, das heißt, wenn Ihr Euch mit geschminkten Mündern, Augen und Wangen photographieren lasst. Puppengesicht ist ein schmeichelhafter Ausdruck für die Karikatur, zu der Euch die brutale Wahrhaftigkeit der Photographie unfehlbar macht.
Ich sah im Programm einer Theateraufführung die Abbildung einer Schauspielerin, die heute in erkanntermaßen zu den beliebtesten und schönsten der Großstadt gehört, in der sie auftritt. Sie muß sich für die Bühne selbstverständlich schminken, und sie tut es geschmackvoll und diskret.
Aber sie hatte das Unrecht, sich mit überschminkten Augenlidern und Lippen photographieren zu lassen. Sie sieht auf dem Bilde ganz verboten aus. Die Augen könnte man noch hingehen lassen, weil der Ausdruck von der Schminte nicht berührt werden kann. Dagegen der Mund! Auf den zarten Lippen liegt es, wie eine schwarze Kruste. Im besten Fall sieht es aus, als hätte das Original eine ganze Maulbeertorte gegessen und sich nachher den Mund nicht gewaschen.
Nein, Ihr macht Euch nicht schöner, indem Ihr Euch die Lippen malt. Es ist eine kokette kleine Lüge, die Euch niemand glaubt. Seid versichert, daß bei jedem normal und gesund empfindenden Mann der Anblick eines geschminkten Frauenmundes eine physische Hemmung verursacht, ihm einen Geschmack wie von und Kreide auf die Zunge legt.
Machen Sie die Probe, weise Freundin, gehen sie durch das Gewühl einer Großstadtstraße, sehen Sie sich die Frauengesichter an und sagen Sie selbst, ob die Geschminkten gegen die Ungeschminkten nicht wie törichte Jungfrauen wirken.
Es wäre an der Zeit, daß ein Männerverein gegen geschminkte Frauen gegründet würde.