Original

9. Mai 1926

Panik ist Reflexbewegung, Panik ist Angst, die diert, wenn sie in größeren Mengen plötzlich zusammengepreßt wird. Sie hat mit Überlegung nichts zu tun. Sie straft das Wort Lügen, daß die erste immer die beste sei. Sie hat nie Gutes, oft nur Schlimmes gewirkt. Es gibt dafür klassische Bespiele: Ringtheater in Wien, Bazar de Charité in Frankenkrisis. Sobald sich alle miteinander wollen, gehen alle an allen zugrund.“

Also redete ich auf Freund Grimmberger ein.

Er lächelte verschmitzt und sagte:

Sie haben recht. Aber das ändert nichts an der Sache, daß die Massen immer wieder der Panik verfallen, wenn von irgendwoher Feuermordjo! geschrieen wird. Die Massenseele besteht aus Einzel.Aber wo die Einzelseele nicht reagiert, da die Massenseele sofort durch gegenseitige Ansteckung in Brand. Sie kennen meine alte Haushälterin, die Susanne. Sie versteht von Bank- und Finanzwesen so viel, wie ihr Kochlöffel. Am Freitag, während sie die Suppe auftrug, werkte ich ihr an, daß sie etwas auf dem Rohr hatte. Na, ermutigte ich sie, was ist denn los, Susanne? Da erzählte sie mir aufgeregt, sie hätte sich vorgestern für 2000 Franken, die sie sich gespart hatte, Dollar gekauft und habe nun schon zirka 200 Franken gewonnen. Soviel habe sie in ihrem ganzen Leben noch nie an einem Tag verdient. Und es komme noch viel besser. In Belgien habe ein Minister gesagt, es müsse ein Gesetz gemacht werden, daß der Franken nur mehr vier Sous wert sei. In diesem Fall habe sie ihr Kapital verfünffacht, indem sie es in Dollar anlegte. Und jetzt gehe es mit Riesenschritten abwärts, in acht, höchstens vierzehn Tagen sei der Franken ungefähr noch einen Centime wert.

Hören Sie mal, Snsanne, sagte ich, wer wird denn in acht oder vierzehn Tagen alle die Franken haben, die dann nichts mehr wert sind?

Ei, sagte sie, die Banken, die dafür ihre Dollar verkauft haben.

Also Sie glauben, gute Susanne, daß die Bank Ihnen Ihre 2000 Franken abgenommen und Ihnen dafür Dollar gegeben hat, in der sicheren Voraussicht, daß der Franken in absehbarer Zeit auf Null stehen wird?

Nein, so sei es nicht gemeint gewesen. Die Bank werde für die Franken immer wieder Dollar kaufen und ein wenig teurer verkaufen, als sie sie eingekauft hat. Bis das Hin- und Hergeschäft schließlich auf nichts hinausläuft.

Gut, Susanne, Sie haben zu 30 gekauft, heute steht der Dollar 33, Sie verdienen also, wie Sie ausgerechnet haben, zirka 200 Franken. Wenn morgen oder übermorgen der Dollar wieder auf 30 steht, verdienen Sie nichts mehr, fällt er auf 29, so verlieren Sie schon 60-70 Franken.

Ja, dann verkaufe ich eben zu 32.

Und wenn dann tags darauf der Dollar auf 34 steigt, raufen Sie sich Ihr ehrwürdiges graues Haar. Und verbringen schlaflose Nächte vor Angst, und stürzen sich zehnmal des Tages auf die Zeitung, versalzen mir die Suppe, lassen den Braten anbrennen, vergessen, die Betten zu machen, magern ab, werden unglücklich, bekommen die Gelbsucht usw. usw.

Ja, was soll ich denn tun?

Liebe Susanne, Sie müssen sich klar machen, daß wir beide zu der großen Masse gehören, auf der das Schicksal seine Fingerübung hinauf und hinunter macht, weil wir unter seinen Händen so willigen Ton geben. Hat das Schicksal - sagen wir mal Schicksal - Interesse daran, daß der Franken fällt, so schreit es in den Raum: Der Franken fällt! Sofort rennt die Masse, die Schöße voll Franken, an die Bankschalter und bietet Franken milliardenweise an. Der Franken fällt infolge des Riesenangebots, und sobald das Schicksal - sagen wir mal das Schicksal - genug davon zu hinreichend billigem Kurs zusammen hat, ruft es in den Raum: Der Franken steigt! Und im Handumdrehen bringen die Massen ihre kürzlich erhandelten Dollar wieder an die Bankschalter und wollen Franken dafür haben. Der Franken steigt, und das Schicksal lacht.

Die alte Susanne hatte Tränen in den Augen.

Was soll man da tun? fragte sie mit zitternden Lippen.

Arbeiten! sagte ich. Der einzige Wertmesser, die einzige Wertquelle ist die Arbeit.“

„Mein lieber Herr Grimmberger,“ sagte ich schlichtern, „damit kommen Sie nicht weit.“

Seine Augen funkelten vor Zorn und er schrie mir förmlich ins Gesicht:

„Das Volutagehopfe ist Blödsinn, ein Verbrechen am Volk!“

Und schon war er um die Ecke.

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    Katalognummer BW-AK-014-3176