Wenn in unserm Stadttheater zwei Dutzend französischer Stücke in einer Spielzeit über die Bühne gegangen sind, und wenn im Pôle Nord Henny Walden von Oktober bis April ihre Locken geschüttelt und die Tournée Baret für Abwechslung gesorgt hat, so reden wir von unserm Theaterleben. Wir sind genügsam. Wir sitzen fern von den Quellen und freuen uns, wenn ein Rinnsälchen bis zu uns durchsickert. Besonders von dem Bühnenbetrieb, wie er sich in Deutschland nach dem Krieg entwickelt hat, fehlt uns auch die blasseste Vorstellung. Bis Paris ist das deutsche Theater schon vorgedrungen, allerdings zurzeit nur durch Hanns Heinz Ewers „Alraune“ (Mandragore) so unwürdig wie möglich vertreten - an uns ist die Entwicklung vorbeigegangen, ohne daß wir davon eine Ahnung hatten. Nur aus den Theaterkritiken der führenden Blätter können wir uns zusammenaddieren, was sich auf der deutschen Bühne vollzogen haben muß und noch vollzieht. In der „Frankfurter Zeitung“ besprach Ernst Heilborn jüngst die Première eines Schauspiels von Marieluise Fleisser „Fegefeuer in Ingolstadt“ im Deutschen Theater. Der Aufsatz ist typisch für den Ton der Kritik und das Stück scheint typisch zu sein für die Tendenz der Jungen.
„Ein Hintergrund aus naturalistischem Dunkelgrau; darin ekstatische himmelblaue Linienzüge; darin auch Tupfen aus irrem Ockergelb; das Ganze aber nicht ohne Bildwirkung: das ist Marieluise Fleissers Schauspiel „Fegefeuer in Ingolstadt“.
Ein Hauptreiz des Schauspiels besteht darin, daß es unverständlich bleibt.
Von Handlung ist nicht zu reden, wohl aber sind Handlungsvoraussetzungen gegeben. Der naturalistische Hintergrund ist noch am ehesten durchsichtig. Der Familie starb die Mutter, wohl infolge von Mißhandlungen durch den Vater. Die älteste Tochter trägt ein Kind unter dem Herzen, das sie vergeblich abzutöten versuchte, der Mann, an den sie sich verloren hat, läßt sie im Stich, um eine andere, eine Reiche, zu freten. Ein Jugendkamerad wirbt um sie. Und dieses Weben in Brutalität - in erotischer Versklavung - in Märtyrerwollust, ein Weben, bei dem man keinen Augenblick weiß, was der nächste Augenblick bringen mag, zeichnet sich in diesen wirren, süchtigen, himmelblauen Linien in den grauen Hintergrund hinein. Dazu ein Spultreiben aller um alle, ich sagte, in Ockergelb.
Während des Bühnenvorgangs verstand man wenig. Ganz undurchsichtig blteb vor allem das Tun und Lassen dieses Sonderlings, der um das Mädchen wirbt, aber auch zugleich deren Schwester verfallen ist; dessen dumpfe und sündenbelastete Frömmigkeit in religiösen Wahnsinn umschlägt; der Leiden sucht und sich seiner Wunden rühmt; der aber auch jede der Schwestern zu vergewaltigen versucht; an den sich Gesindel hängt, wie Eisenspäne an den Magneten; der mit dem Strick um den Hals endet. Nachher aber, wenn sich die wirren Ereignisse, ursache- und folgelos abgekurbelt haben, ergibt sich aus dem Ganzen doch eine Impression, - etwa die eines Jahrmarits, über dem Weihrauchschwaden, aber vergiftend, und im süßen Gift umnebelnd, lagern. Der Mangel an Folgerichtigkeit und Motivierung, das Spukhafte der Gestaltung erzwingt eine Spannung der Aufmerksamkeit, die augenblicksweise in seelische Spannung umschlägt, oder von ihr doch kaum zu unterscheiden ist. Die Eigenart der Verfasserin frappiert. Sie dichtet wie aus dem Unterbewußtsein. Man kann vernunstgemäß nichts von ihr aussagen. Sie ist nur „modern“.
Denken Sie sich einen Tisch. Statt der kommunen vier geraden oder geschweisten Füße, auf denen ein Tisch gemeinhin steht, gab ihm sein Versertiger 53 gewundene und in absonderlichen Spiralen gedrehte Stützen, die ihm das Aussehen eines Kellerwurms verleihen. Sie werden, sollten Sie des Tisches benötigen, um ein wenig daran zu speisen, ihn mit einem Fußtritt von sich stoßen, dieweil er wackelt. Aber Sie werden auch geneigt sein, ihn originell zu finden; Sie werden ihn, da Sie dergleichen noch nie erschauten, als modern rühmen; sie werden, falls Sie ein Liebhaber von Kellerwürmern sind, in ihm das Ideal eines Tisches erkennen. Ganz so mit „Fegeseuer in Ingolstadt“.“
Man braucht kein Verlangen darnach zu tragen, daß die Junge Bühne des Deutschen Theaters demnächst in Luxemburg ein Gastspiel mit dem „Fegefeuer in Ingolstadt“ veranstaltet. Aber es gibt unter den modernen deutschen Bühnendichtern - auch wenn sie schon von gestern und vorgestern sind - den einen oder andern, mit dem das luxemburger Theaterpublikum sicher gern Bekanntschaft machen würde. Man hat den Schritt bis zur Trierer Oper getan, warum soll man ihn nicht berspielsweise bis zum Wiesbadener Staatstheater tun?