Original

13. Mai 1926

Noch lange, nachdem der Dichter des „Feierwon“ versichert hatte, wir hätten nun auch den Weg zum ewig großen Völkerbund gefunden, war unser Ländchen eine Insel, von der mancher zwar auf der sichern Brücke des Geschäfts den Weg hinaus fand, aber kaum einer auf dem schwanken Boot der Kunst in den Ozean des internationalen Getriebes hinaus nach Brot zu segeln wagte.

Wir erinnern uns noch des Aufsehens, das es machte, als der erste Luxemburger mit einem Bild im Pariser Salon zugelassen wurde - es war, glaube ich, Ferdinand d’Huart - und als Walter Colling mit sliegenden Jünglingslocken von Hamm aus den kühnen Sprung auf die Bretter tat, die die Welt bedeuten. (Er erzählt noch heute mit Humor, wie ihn damals, als er zuerst auf Ferien nachhause kam, ein Nochbarbauer fragte, wieviel Pserde sie denn bei ihrem Zirkus hätten.)

Er ist bis heute der erste und einzige Luxemburger, der sich als Mime Stellung und Ruf draußen zu verschaffen wußte, ohne seiner Heimat für immer den Rücken zu drehen und in einer neuen Umwelt aufzugehen.

Wenn wir so auf den Brettern mit keinem Landsmann außer ihm protzen können, so haben wir dafür dem Brettl ein ausgiebigeres Kontingent geliefert. Und da war meines Erinnerns der erste ein junger Luxemburger, von dem wir bedauern, daß es ihn nicht in seiner Vaterstadt gelitten hat. Wie die Dinge heute liegen, könnte er in seinem Fach von hier aus alle Bühnen und Bühnchen des Landes mit seiner Eigenart erfreuen.

Ihr kennt ihn alle: Maisonet’s Gusty. Er war schon im Äußeren zu etwas Besonderem vorbestimmt. Er war unwahrscheinlich blond und er hatte ein paar Augen im Kopf, deren Blicke waren wie Angelhaken. Sie waren mit weißen Wimperhaaren eingesäumt und stachen frech und erstaunt, hart und hellgrau in die Welt. Eine klare Diktion mit natürlicher Betonung, die in alle Ecken eines Wortes und Satzes hineinleuchtete, war ihm angeboren. Sie holte aus jedem Satz und Wort gemütlich und gewissenhaft das Äußerste heraus, so etwa, wie eine sparsame Hausfrau das letzte Krümchen Eiweiß aus den Schalen herausklaubt. Und das freche Erstaunen seiner Augen lag als Dauerausdruck über seinem offenen Lausbubengesicht. Er brauchte nie zu lachen, wenn er nicht wollte.

Er war der Maisonet’s Gusty straßauf straßab. Seine Streiche waren sprichwörtlich. Er lief zum Beispiel in einen Eisenwarenladen und verlangte dringend einen Pfropfenzieher für seinen Vater, sein Schwesterchen sei in eine Pfütze gefallen und der Vater wolle sie schleunigst herausziehen.

Dann stand er eines Tages auf der Schobermeß in einem Chantant auf der Bühne und war ein armer französischer Pioupiou, der nach jeder Strophe sein Taschentuch vollheulte, mit einer Komik, die den Saal schüttelte.

Dann verschwand und verscholl er.

Heute morgen bekam ich von ihm einen Brief. Er hat ein Gedicht gemacht: d’Letzeburger Zongen. Eine kaustische Satire auf den luxemburger Klatsch. Hoffentlich wird er es uns einmal hier vorsingen. Ich will daraus nur den Inhalt der ersten Strophe mitteilen. Das ist noch keine Satire, sondern Elegie. Der arme Gusty hat es in Brüssel, wo er vor Anker gegangen ist, mit dem „Verlangeren“ bekommen. Ach ja, das packt sie draußen alle, wenn sie auf dem Lebensweg um die Ecke sind und das Kinderland wieder in der Ferne schimmern sehen. Was hätte er, sagt er, nicht darum gegeben, die alte Heimat wiederzusehen, das Grab des Vaters, die alten Kameraden, auf deren Namen er raten muß, den Spielplatz, die Kasematten, das Elternhaus - wohin er blickt, es läuft ihm leichte Kälte den Rücken herunter. „Wat dir heihem emol net gesitt, da huet mech, we’ ee seet: kritt.“

Und in all die Wehmut hinein trifft ihn der Klatsch. Alle Leute scheinen sich glänzend zu vertragen. „Ower um Bockel, meng le’w Jongen - Gare d’letzeburger Zongen!“

Da wäre dem Maisonet’s Gusty nur eines zu raten: Er soll einmal in die luxemburger Kammer in eine Nachtsitzung gehen. Es wird ihn trösten und versöhnen, daß man sich da alles ins Gesicht sagt, auch wenn es einen ganz andern Körperteil betrifft.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3179