Auch das haben wir nicht gelernt: Uns in Szenc setzen.
Wir haben es am Donnerstag in Bad Mondorf gesehen.
Ein Ortsausschuß hatte eine kleine, demokratische Feier veranstaltet zur Eröffnung des neuen Badhauses. Es war ein Fest etwa von dem Ausmaß desjenigen, das bei der Enthüllung des John GrünDenkmals stattfand. Die Hauptinteressenten von Bad Mondorf, die Badegäste, waren nicht mit in Rechnung gestellt. Aber das Fest hatte einen wohltuend demokratischen Charakter. Man konnte meinen, die Heilquelle entspringe aus dem kerngesunden Herzen unsers Volkes. Feuerwehr- und Musikvereine gaben die Signatur, die Escher Stadtmusik war ein Glanzpunkt. Es war alles sehr schön. Aber es hätte viel, viel mehr sein müssen.
Denn man sollte sich doch endlich klar machen, daß Bad Mondorf eine nationale Angelegenheit erster Ordnung ist. Und die Einweihung hätte ein Nationalfest werden müssen, wie wir noch kaum eines gefeiert haben. Wir erinnern uns der Einweihung des Wilhelmdenkmals auf dem Knodler. Das ganze Land war mobilistert und sang Kantaten, der König, die Königin und die Prinzessin waren da, das Militär paradierte, die Schöpfer des Denkmals wurden dekoriert: Und was war uns dieser König von Holland?
In Mondorf handelte es sich am Donnerstag um viel mehr. Denn man sollte sich - ceterum censeo - doch endlich klar machen, daß Bad Mondorf eine nationale Angelegenheit erster Ordnung ist. Es ist nicht, wie viele zu glauben scheinen, ein Schönheitspflästerchen auf unserm nationalen Körper, es ist darin, um es einmal anatomisch zu fassen, in mannigfachem Betracht eine Hauptdrüse. Nehmt Kissingen, nehmt Vichy, nehmt Ems - um nur diese zu nennen, die ohne ihre Quellen armselige Dörfer oder Fleckchen wären: Sind sie nicht Mittelpunkte, von denen aus und zu denen hin Pulse schlagen, deren Blut genügte, unser Ländchen zehnmal lebendig zu erhalten!
Allerhand Verdienste wurden von den Festrednern gefeiert. Man pries zumal die öffentlichen Gewalten, denen der Aufschwung Mondorfs zu verdanken sei. Man hat es auch schon anders gehört. Es gab lange, zu lange Zeiten, wo die öffentlichen Gewalten untätig, kurzsichtig und breit auf dem Aufschwung saßen und auf allerhand Flickwerk sannen, während alle Bäder in der Runde dem Gebot der Stunde folgten und sich resolut einen Ruck nach vor- und aufwärts gaben. Es ist ein Verdienst, daß den öffentlichen Gewalten endlich die Augen aufgingen und daß sie endlich in einer Gebelaune aufstanden, um den Aufschwung nicht länger zu hemmen.
Aber ein Hauptverdienst hat die Quelle, die nicht kaputt zu machen ist.
Ein Hauptverdienst haben die Mondorfer Hoteliers, die zäh und trotzig an die Güte und Gerechtigkeit ihrer Sache glaubten und gläubig durchhielten und vielstellige Ziffern in ihre Häuser steckten in der Zuversicht, daß einst bessere Tage kommen müßten.
Und ein Hauptverdienst haben der Architekt Herr Wigreux und der Unternehmer Herr Giorgetti, die im Verein dem Land eine technische Großtat geschenkt haben. Denn es gibt kein Staatsgebäude im Land, das an Bedeutung und in bezug auf glückliche Lösung zahlreicher Schwierigkeiten durch Baumeister und Unternehmer dem neuen Badehaus in Mondorf gleichkäme. Jede Rohrleitung erzählt von Kopfzerbrechen im Ausdenken, jede Mauerkante von Gewissenhaftigkeit in der Ausführung. Man verläßt diesen Bau mit dem beglückenden Gefühl, daß hier in Entwurf und Verwirklichung etwas geleistet ist, das unser Ansehen vor dem Ausland erhöht und festigt.
Und es wäre wert gewesen, dies dem ganzen Land durch eine viel imposantere Feier klingend ins Bewußtsein zu hämmern.