Original

18. Mai 1926

Ein treuer Leser unseres Blattes sieht sich durch die kürzlich hier erschienene Geschichte eines Visas der Rechnungskammer veranlaßt, uns einen ähnlichen Fall aus seiner Praxis mitzuteilen. Er rückt die Schönheiten der bürokratischen Unbeholfenheit in eine so krasse Beleuchtung, daß seine Mitteilung verdient, zur allgemeinen Kenntnis gebracht zu werden.

Unser Freund, ein einfacher Mann vom Land, schreibt uns:

„Daß solch ein papierner Wust zur Zeit unseres Nationaldichters und Rechnungskammerrats Michel Lentz grassierte, kann man kaum glauben. Aber es muß schon so sein, denn noch heute, im Jahre 1926, sind wir nicht besser dran. Es hatten drei Mann in einer Gemeinde bei der Dampfwalze gearbeitet. Als die Arbeit sertig war und die Leute bezahlt we@ sollten, da war, wie das in den Gemeinden manch@ vorkommen soll, kein Geld in der Kasse. Die Arbe@ baten den Einnehmer, ihnen ihr Guthaben durch P@ anweisung nachzuschicken. Sie hatten jeder 170@ Franken zugut und sagten dem Einnehmer, er br@ nur 170 Franken zu schicken, die 30 Centimes seien@ die Kosten.

Was geschah? Die ganze Anweisung wurde bei @ Rechnungsablage dem Einnehmer von der O@ behörde verworfen. So war er gezwung@ jedem der drei Arbeiter einen Brief zu schreiben @ diesem 30 Centimes in Briefmarken beizulegen @ einer Quittung über genannten Betrag. Diese@ Quittungen mußten die Arbeiter unterschreiben@ an den Einnehmer zurückschicken, wofür dieser@ Rückporto je eine Fünfsousmarke mitschickte.

Machen Sie bitte die Rechnung. Dreimal das Po@ hin, dreimal das Porto zurück, macht 1.50 Frank@ - wegen eines Betrages von achtzehn Sous! D@ kommt das Briefpapier und die Schreiberei und@ Ärger des Einnehmers, der auch nicht zu unterschä@ ist. Hofsentlich hat er seinem Ärger mit einem kräftig@ Fluche Luft gemacht. Die drei Arbeiter konnten sich @ ihre je 30 Centimes nicht einmal einen Humpen@ eine Zweispännige leisten. Aber Ordnung muß se@ nicht wahr!“

Jawohl, Ordnung muß sein, aber ist es wir@ notwendig, sie so teuer zu erkaufen? Denn @ erlaust ist sie. Der Staat und die Gemeinden erka@ alles teurer, als der Privatmann. Muß das sei@ das Geld des Staates und der Gemeinden, sobald@ in ihre Hände gelangt, nicht mehr so viel wert,@ es wert war, solange es noch den Steuerzahl@ gehörte?

Hier richter sich wiederum das schöne Wort „Ga@ tien“ als Wanwau gegen jeden Reformwillen auf@ müssen die notwendigen Garantien bestehen, heißt@ damit Staat und Gemeinde nicht hinters Licht ge@ werden. Daher dies komplizierte Räderwerk des@ lichen und kommunalen Rechnungswesens.

Bitte, wer ist denn bisher öfter und schwerer hin@ Licht geführt worden, als Staat und Gemeinde,@ dem komplizierten Räderwerk und trotz den berüh@ Garantien? Und hat denn die Privatwirtschaft@ ebenso großes Interesse daran, in ihrem Rechn@ wesen jede Flucht zu verhindern? Wenn die es@ facher und billiger macht, warum kann es denn@ staatliche oder kommunale Gemeinwesen nicht?

Niemand kann die menschliche Natur ändern,@ es liegt in der menschlichen Natur, daß einer@ seinem eigenen Gelde sparsamer umgeht, als mit@ Geld der Allgemeinheit. Darum sollte sich die@ gemeinheit einmal einen Ruck geben und sich@ dringlich vergegenwärtigen, daß die Millionen,@ jahraus jahrein unnütz im öffentlichen Rechnu@ betrieb versickern, ihr Geld sind. ihr, der Gesam@ der Steuerzahler, gehören, nicht dem unsaßba@ Wesen, das man mit allerhand Namen belegt,@ man einmal Staat nennt, einmal Gemeinde, e@ Bürokratismus, einmal Schlendrian usw. Und@ soll die Allgemeinheit durch ihre berufenen Organ@ durchsetzen, daß mit ihren Geldern hausgehalten @ wie es in jedem Privarbetrieb geschieht.

Hier sei noch eine andere Geschichte erzählt, die@ vor Jahren ebenfalls in der Rechnungskammer@ getragen hat. Ein Revisor hatte in einer seitenla@ Addition einen Irrtum von anderthalb Cent@ entdeckt und dafür den ganzen Rücklansapparat s@ dum ordinem in Bewegung gesetzt. Das empfand@ Vorgesetzter denn doch als etwas zu starken Tabak@ rüsselte den Revisor. Aber da bäumte in diesem@ Staatshämorrhoidarier auf und er versetzte tief@ kränkt: „Sie haben gut reden, aber wenn man@ Stunde über so einer Addition gesessen hat und fi@ darin keinen Fehler - da get een och rosen!“

Dieser Revisor ist längst tot. Aber seine Art @ in der Verwaltung anscheinend noch immer nicht@ gestorben, sonst stieße die Reform nicht auf so g@ Schwierigkeiten.

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    Katalognummer BW-AK-014-3182