Original

19. Mai 1926

Das große F., das Herr Erpelding jüngst in die Kammerdebatte warf und mit dem er dem Faß den Boden einschlug - oder einblies, wenn Sie wollen - hat trotz seiner ätherischen Beschaffenheit die Runde ums Land gemacht. In Palast und Hütte wurde es vernommen. Es hat endgültig seinen Platz in der Geschichte, ein Pendant zu dem unsterblichen. Wort Cambronne’s.

Auf seinem Siegeszug gelangte es auch in Hoskreise und fiel in ein Kafseekränzchen von Hofdamen wie ein Stein in den Teich, aufgeregte Ringe wersend.

Eine der Damen hatte den Kammerbericht gelesen und ihr Exemplar mit ins Kränzchen gebracht.

Dort las sie, vor Empörung leise bebend, die einschlägige Stelle vor.

Alle entrüsteten sich mit ihr. Sie fanden, daß sich der Parlamentarismus überlebt habe und an Sittenverrohung zugrund gehen werde. Sie sanden, daß der Augenblick gekommen sei für einen Messias Mussolini. Nur eine starke Männerfaust könne wieder Ordnung schaffen. Sei es denn nicht unerhört, daß man sich in offener Kammer, wo doch die Elite des Landes das Wort führen sollte, solche Gemeinheiten an den Kopf wirft.

„Was hat er denn eigentlich gesagt?“ fragte eine ältere Hofdame. „Ich werde aus diesem Bericht nicht klug.“

„Was er gesagt hat!“ entsetzten sich die andern. „Er, hat einem Kollegen ins Gesicht geschleudert: Sie scheinen einen Vogel im Kopf zu haben!“

„Unglaublich!“ hauchte die Hofdame. „Einen Vogel im Kopf! Und dabei schreiben sie Vogel auch noch mit F!“

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    Katalognummer BW-AK-014-3183