Original

20. Mai 1926

An einem schönen Apriltag des Jahres 19.. ging ein Mann in Paris über den Pont Neuf.

Er freute sich des Sonnenglanzes auf der Seine und der anmutigen Frauen und Mädchen, die kurzdig und seidenbestrumpft an ihm vorbeieilten. Er freute sich der wunderschönen Stadt, in deren Herzen er war und mit deren Herzschlägen seine Pulse gingen. Er freute sich des Maximums an Lebenserfüllung, den Zeugen die grauen Mauern in der Runde durch die Jahrhunderte herauf gewesen waren, und da er gerade nichts Besseres zu tun hatte, machte er an dem Reiterstandbild des großen Königs Heinrich IV. Halt und ging um den Sockel herum, besah sich die Reliefs und besann sich auf das, was er von der Geschichte des Königs wußte und was jedes Kind weiß.

Das Eine war, daß sich Heinrich der Vierte von Frankkreich eines schönen Tages vom Protestantismus zum Katholizismus hatte bekehren lassen, um König zu werden. Und er begründete diesen Schritt bekanntlich mit einem Kompliment für die Stadt Paris. Er sagte: Paris vaut bien une messe - wie er etwa gesagt hätte: Die Gabrielle oder die Henriette sind wert, daß man sich für sie moralisch in Unkosten stürzt.

Da, diese Gabrielle d’Estrées und diese Henriette tragues! Im Schlepptau seiner Zuneigung sind sie mit aufs Meer der Weltgeschichte hinausgefahren. wenn einer zeigen will, was dieser Vert Galant für ein Schürzenjäger gewesen sei, so müssen die Henriette und die Gabrielle als Belastungszeuginnen herhalten.

Er war aber nicht einseitig ein Zyniker und ein Mätressensklave. Er sorgte auch väterlich für sein Volk und wollte nicht ruhen, bis jeder Bauer des Sonntags ein Huhn im Topf hätte. Und mit Hilfe seines Finanzministers Sulky brachte er das zerrüttete Büdget rasch wieder ins Gleichgewicht. Das sind bei einem Monarchen zwei Eigenschaften, die schon allerhand Fehler aufzuwiegen vermögen. Denn der Magen und das Portemonnaie sind beim Staatsbürger die empfindlichsten Organe.

Der fremde Mann, der im April des Jahres 19.. über den Pont Renf schlenderte. überdachte das Leben des großen Königs. Er sah ihn mit vorgerecktem Unterkiefer unternehmend und gutmütig auf seinem Schlachtroß sitzen, er sah ihn triumphierend in Paris einziehen, sah auf der andern Seite des Sockels die Verewigung eines schlauen Schachzuges: Wie Heinrich der Vierte, während er Paris belagert, Brot für die Pariser durchläßt - und der fremde Mann dachte bei sich: Es ist doch schön, wenn man zu den Großen der Erde gehört, wenn einen das Leben bis auf die Gipfel trägt, wenn man in einem Lande der erste ist, und wenn man von den spätesten Geschlechtern mit Bewunderung, Dank und Verehrung genannt wird. Sie gießen einen in Erz und stellen einen auf Brücken und auf öffentliche Plätze hoch über den Alltag, damit alle, die vorbeigehen, an das Große erinnert werden, das man Zeit seines Lebens gewirkt hat. Ja wahrlich. es ist etwas Erhabenes darum, von der Nachwelt in Erz gegossen zu werden .....

In diesem Augenblick ließ sich ein Spatz ganz oben auf den Haarschopf des großen Königs nieder, wippte einmal mit dem Schwanz, und im selben Augenblick hing das weißgraue Ergebnis seiner Verdauung dem großen König an der Nasenspitze.

Da mußte der fremde Mann lachen und dachte: Ich möchte doch nicht in Bronze gegossen werden, wenn mir jeder freche Spatz so unverschämt auf die Nase schauen kann.

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    Katalognummer BW-AK-014-3184