Am Donnerstag fand, zum ersten Mal seit langen Jahren, in der Aula des Athenäums eine dramatischliterarisch-musikalische Veranstaltung statt, deren künstlerische Kosten ausschließlich von den Schülern bestritten wurden.
Herr Direktor Manternach ist zu der Wiederaufnahme dieser alten Überlieferung zu beglückwünschen. Die sogenannten Schülerkonzerte hatten eine nicht zu unterschätzende erzieherische Bedeutung. Die alten Jesuiten, die die Anstalt gebaut haben, wußten und wissen noch heute, wie es gemacht wird, um die Jugend anzuziehen, festzuhalten und aus ihr die Truppen heranzubilden, mit denen sie die Welt zu beherrschen gedenken. Mit ihrem Unterricht geht ein methodisch organisierter Unterhaltungsbetrieb einher, es wird ein allerdings eingeschlechtlicher Mikrokosmus des großen Gesellschaftslebens konstruiert, in dem sich die Zöglinge den nötigen Spiegelsinn, die Sicherheit des Auftretens und die Formgewöhnung aneignen sollen.
Ohne an die jesuitischen Methoden anzuknüpfen, gaben unsere Schülerkonzerte früher, in den sechziger und siebziger Jahren vor 1900 - man scheut sich zu sagen: des vorigen Jahrhunderts, wenn man selber darin zivilstandsamtlich zuhause ist - den jungen Leuten Gelegenheit, über den Ráhmen der Schule hinaus zu wirken, Fähigkeiten spielen zu lassen, die zwar nicht mit Nummern gewertet wurden, aber doch dem humanistischen Unterricht ihre Ausbildung und Entwicklung verdankten. Dieser machte ein Gedicht. das in der Form stets einwandfrei war und in dem alle Schulreminiszenzen tönten, jener sagte es her mir einem Ausdruck und Pathos, die den künftigen Advokaten oder Kanzelredner verrieten, andere geigten, bliesen, sangen solo oder im Chor - zum ersten und vielleicht letzten Mal öfsentlich in ihrem Leben. Mancher, der vor einem Menschenalter zum Entzücken der - allerdings meist sehr nachsichtigen und wenig perwöhnten - Zuhörerschaft in einem solchen Konzert die Flöte blies, hat sie später an den Nagel gehängt und verstauben lassen, oder bläst sie nur noch im trauten Familienkreis.
Zur Zeit des Statthalters Prinzen Heinrich und seiner ersten Gemahlin Amalie, die auf ihrem Piedestal im Stadtpark zur „Schwarzen Muttergottes“ avanciert ist, waren diese Schülerkonzerte an der Tagesordnung. In sie drängte sich alles zusammen, was von Ehrgeiz, Nuhmsucht, Feierlichkeitsbedürfnis in unsern Pennälerseelen lebendig war. Mit auf dem Programm stehen, war eine Ehre, wie sie einem später im Leben nie wieder zuteil werden konnte. Da stand: Mathias Müller, III. Kl. - der Dichter einer Ballade über die Prinzessin Yolanda von Vianden. War es nicht erstaunlich, daß ein junger Mann, der weder von Falkenhorst noch von Wetterstein, sondern ganz plebejisch Mathias Müller hieß - Millesch Mätty - und erst auf Tertia war, daß dieser schon ein Gedicht gemacht hatte, das vom Professorenkorps würdig erachtet wurde, vor den allerhöchsten Herrschaften des Landes, vor dem Fürstenpaar und seinem Gefolge vorgetragen zu werden!
Nach dem Tode der Prinzessin Amalie gingen die Schülerkonzerte ein, um erst nach der zweiten Heirat des Prinzen Heinrich mit der blonden Prinzessin Marie von Preußen schwach wieder aufzuleben.
Während der demokratisch durchsäuerten Jahrzehnte, die dann folgten, war Schlichtheit Trumpf. Aller Pomp wurde aus dem öffentlichen Leben verbannt, die Köchin des Herrn Eyschen kochte an KönigsGeburtstag das Festessen für die Diplomaten und Spitzen der Behörden, alle feierlichen Register an der Orgel des öffentlichen Lebens waren eingedrückt, die Schülerkonzerte galten als Mumpitz. Asketischer Utilitarismus beherrschte die Stunde. Schönheit galt nur, wenn sie mit Pedigree versehen und authentisch abgestempelt war.
Herr Direktor Manternach harte eine glückliche Idee, als er wieder auf die alte Tradition zurückgriff. Wäre es auch nur, um seinen Pennälern ein paar farbige Erinnerungen mit auf den Weg zu geben. Der jüngst verstorbene frühere Unterrichtsminister Herr Mongenast war auf keines seiner zahlreichen Bonis so stolz, wie auf ein Gedicht, das er seinerzeit als Gymnasiast für eines dieser Schülerkonzerte verfaßt hatte. Und nichts klingt uns heute so feierlich in den Ohren, wie durch die Jahrzehnte herauf der Widerhall des Chores von der Einnahme Jerusalems, der zum eisernen Bestand des Repertoires gehörte. Und nichts so wehmütig, wie ein paar verflatterte Verse und der Auftlang von bekannten Stimmen, die schon auf ewig verstummt sind.