Original

26. Mai 1926

„Das haben wir fein gedeichselt!“ fagte der hl. Herr Willibrord, während er am Pfingstdienstag, auf seinen Krummstab gestützt, über den Wolken spazieren ging und einen wohlgefälligen Blick auf die Basilika und den Denzelt und die wimmelnde Menge in den Straßen Echternachs herniedersenkte.

Wenn man etwas gründen will, soll man wohl bedenken, wo man es gründet: Als ich damals mein Kloster in Echternach gründete, wußte ich wohl, warum. Ich war ein guter Fußgänger, ich hatte das Land nach allen Richtungen durchstreift und gefunden, dies wäre der schönste Platz, um Gott zu verehren und ein Leben in Andacht und Schönheit zu führen. Ich wußte, daß unseres Bleibens nicht ewig an dieser Stätte sein würde, aber ich wollte, daß die, die nach uns kämen, auf ihre Weise den gütigen Schöpfer verehren und lieben sollten. Wer die Menschen zur Liebe Gottes erziehen will, lehre sie, ihn in seinen Werken zu lieben. Das ist ein Gottesdienst, dessen die Menschheit niemals müde wird. Man macht einem Tischler keine größere Freude, als wenn man sagt: Meister, da haben Sie einen wunderschönen Schrank gemacht, so künstlerisch geschnitzte Türen gibt es gar nicht wieder, und das Ganze so deftig, alles massiv Eichen, jeder muß stolz sein, solches Möbel in seinem Haus zu haben und auf seine Kinder und Kindeskinder zu vererben!

Der liebe Herrgott, ich will sagen der Tischler wird sich den Bart streichen und sagen: Nu ja, darum bin ich eben der liebe Herrgott, will sagen der Tischlermeister, und wenn Sie was in der Art brauchen, wird es mich freuen, wenn Sie in meiner Werkstakt vorsprechen.“

Also sägte der hl. Herr Willibrord und horchte vergnügt herunter, wie von allen Seiten die Autos herbeischnarchten und brummten und sangen und schnatterlen.

„Ich wußte ja, fuhr er fort, wie es kommen würde, dafür ist man ja ein Heiliger, daß man in die Zukunft sieht. Sie haben ja richtig auch wieder die Quellen ausgebuddelt, aus denen meine Jünger vor Jahrhunderten nach den Schlemmern der Römerzeit Gesundheit getrunken hatten. Ich wußte, daß sie eines Tages die Eisenbahnen und die Autos erfinden würden, mit denen sie an einem Tage mehr Weg machen, als ich mit meinem Eselchen oder auf Schusters Rappen in einer Woche. Ich wußte, daß sie an diesem Tage zumal aus dem Land der Belgier zu Tausenden kämen, um auf dem Fleckchen Erde, das ich berühmt gemacht häbe, sich ein paar Tage lang zu freuen, daß sie um den Schlag der Frankenbaisse sich glücklich herumgetauscht und die Hauptsache nach rechts aus die Dollarseite in Sicherheit gebracht haben. Ich wußte, daß ihnen die Forellen und Krebse aus den Bächen der Umgegend herrlich munden würden, daß sie in großen Refektorien Männlein und Weiblein zusammen sitzen und immer lauter reden und lachen würden, daß sie in Korbsesseln abends lieblich ermüdet dem Klang von Saiten und Stimmen lauschen würden, die über Zeit und Raum hinweg eingefangen wurden, ganz wie ich es seinerzeit schon wußte, als ich hier mein Kloster gründete. Ich wußte, daß die Gottesverehrung und die Wissenschaft und Kultur und Kunst zu leben dereinst aus meinem Kloster hinaus die Lande übersegnen würden, weil ich dafür den richtigen Ausgangspunkt gewählt habe. Jawohl, fein haben wir’s gedeichselt und die Echternacher wissen, was sie tun, wenn sie meinem Gebein alljährlich die höchste Ehre erweisen und springend ihrem Schöpfer dafür danken, daß ich damals die glückliche Idee hatte, mich hier anzusiedeln!“

Und lächelnd schritt der hl. Herr Willibrord fürbaß und summte leise die Weise mit, die von unten heraufklang: „Adam hatte sieben Söhne - Se’ist de net wat däht se ......“

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3188