Schon trifft man auf Straßen und Plätzen, in Eisenbahnen und Autobussen, auf Hotelterrassen und in den Wirtsstuben entlegener Dörfer Vorläufer der großen luxemburger Völkerwanderung, die sich aus den Vereinigten Staaten herüber nach der alten Heimat in Bewegung gesetzt hat.
So saß ich dieser Tage mit einem Landsmann aus St. Paul im Angesicht des grüngrauen Moselstroms bei einem Schoppen 25er. Er fragte mich, ob das Wasser dort die Sauer sei. Ich hatte ein Recht beleidigt zu sein, zumal er absichtlich oder unabsichtlich den Protz herauskehrte, vom Mississippi und dem Colorado sprach und uns wegen der kleinen Verhältnisse bedauerte, in denen wir zu leben verurteilt seien.
„Bei uns over there ist alles ganz anders, viel smarter, you know.“
„Was ist eigentlich smart?“ suchte ich meine völkerpsychologischen Kenntnisse zu erweitern.
„Smart ist, wenn man, ohne mit der Wimper zu zucken, jede Gelegenheit sofort beim Schopf, zu fassen versteht.“
Ich dachte eine Weile nach und erzählte ihm folgende Geschichte, die wirklich hierzuland einmal passiert ist. Namen tun nichts zur Sache.
Ein junger Mann hatte in seiner ländlichen Garçonnière ein paar Freunde zum Abendessen. Um das Menü abzurunden, fuhr er in die Stadt und lud in sein Auto allerhand Leckerbissen, als da sind: eine Cremetorte, Gänseleberpastete, einen Eimer Krebse, sprunglebend, wie es in den Annoncen heißt.
Mit seiner leckern Last fuhr er im Hundertkilometertempo heimwärts. Er hatte eine lange Gerade vor sich und ließ, wie unser Freund Jängi sich folkloristisch ausdrückt, „de Brongen ugoen an de Fechse wöschen“.
Während er so an nichts Böses dachte, war an seiner Steuerung die Stahlstange infolge eines Geburtsfehlers am Ende ihrer Laufbahn angelangt. Der junge Mann meinte erst, er hätte, wie der Fachausdruck lautet, den Shimmy in die Vorderräder bekommen und dachte: Das werden wir gleich haben. Da sprangen die zwei Vorderräder seitwärts in einen Graben, hinter dem sich ein Viehpferch befand, der mit einem Drahtzaun abgeschlossen war. Mit diesem Drahtzaun hatte das Auto eine kleine Auseinandersetzung, die damit endigte, daß in der nächsten Zehntelsekunde das Auto sich zwei- bis dreimal - eher dreimal - überschlug und dann, auf die Hälfte seines Umfangs reduziert, im Pferch liegen blieb.
Der junge Mann kroch soweit unversehrt aus den Trümmern hervor und steckte sich eine Zigarette an.“
„Das würde jeder Amerikaner ebenso elegant getan haben,“ sagte mein Gegenüber.
„Hören Sie weiter. Die Cremetorte war bei dem Abenteuer aus aller Façon gegangen und hing in weißgelben Flecken im Gesicht, im Haar, an Rock und Hosen des jungen Mannes. Die Krebse waren aus dem Eimer geflogen und krabbelten dem jungen Mann im Nacken, den Rücken herunter, an den Hosenbeinen und Rockärmeln, als ob sie bei ihm Schutz suchten. Wie aus dem Boden gestampft waren von allen Seiten Leute herbeigelaufen, um das Unglück sich aus der Nähe zu besehen.
Da trat aus ihren Reihen ein Mann auf den glücklich Verunglückten zu und sagte: „Herr, was gebe ich Ihnen für die Krebse?“ Sehen Sie, der hatte die Gelegenheit erfaßt, um einen guten Handel zu machen. Denn Krebse sind ein sehr gesuchter Handelsartikel.“
Der Amerikaner glitt abseits. Er wollte es nicht anerkennen, daß ein Luxemburger so ohne weiters smart sein könnte. Er sagte: „Ich habe in meinem Leben noch keine Krebse gegessen. Übrigens, der Mann, der die Krebse kaufen wollte, war sicher längere Zeit over there.“
Da konnte ich natürlich nichts mehr erwidern.