Original

28. Mai 1926

Es wird nicht mehr genug zu Fuß gegangen.

Das Ideal der Menschheit scheint auf einmal im Gefahrenwerden zu liegen.

Wenn es so weiter geht, sind in fünfhundert bis tausend Jahren unsere Füße und Beine bis an den Leib hinauf verkümmert, wie Blinddärme. Ein Glück, daß wir sie noch zum Tanzen brauchen, sonst vollzöge sich die Verkümmerung noch viel rascher.

Der größte Feind des Zufußgehens ist der Bauer. Wenn an Feiertagen, wie Himmelfahrt und Pfingsten die Städte Tausende ausspeien, die singend und klimpernd über die Landstraßen wandern, dann mietet sich der Sänger, Pompier und Turner vom Land ein Lastauto und fährt in Klumpen durch die Umgegend. „Besser varm geridden ewe stolz gaangen.“ Aber schön ist es nimmer.

Schön ist anders. Schön ist zum Beispiel, was ich am Pfingstmontag zwischen Wald und Wasser sah, als die Sonne schon tief stand und viele mit leicht beeinträchtigtem Gleichgewicht sich des Lebens frenten.

Ein Gesangverein kam nämlich zu Fuß, in Schritt und Tritt, mit wallender Fahne die Straße daher. Keine der Fahnen von steifem Brokat mit daumendicker Goldstickerei, die wie viereckige Tafeln am Stock hängen, nein, die richtige, wehende, wallende Fahne, mit der der Wind spielen kann, deren Falten sich öffnen und schließen, wie Herzkammern, eine Fahne, die reden und singen, rufen und beschwören, lustig und traurig sein kann.

Wehende Fahnen über Menschenzügen gehören zum eisernen Bestand des tomantischen Phantasie-Arsenals. Man braucht nur an das Bild zu denken, so quillt die Sehnsucht auf „Wie gerne wär ich mitgewallt!“ Da steckt in jedem von uns ein Stück Viktor von Scheffel.

Vergleicht: Von ferne kommt die Straße her im Sonnenbrand ein Lastauto. Wochüber dient es zum Transport von Schlachtvieh, Baumaterialien, Bierfässern, Steinlohlen und Briketts usw. usw. Heute befördert es Ausflügler. einen Gesang-, Feuerwehroder Turnverein. Die Staubwolke wächst und quillt auseinander, in ihrem Mittelpankt ist ein schwaches Blitzen von frisch geputzten, aber leicht überstäubten Metallteilen. Das Poltern wird lauter, das Lastauto schwankt nach rechts und nach links, jenachdem sein Führer es an den Löchern in der Chaussee vorübersteuert. Man unterscheidet einen welten Ginsterbusch rechts und einen welken Ginsterbusch links - dann viele gerötete Gesichter, wahnsinnige Augen, aufgerissene Münder - heiseres Schreien fegt vorüber - das Poltern schwillt ab, Benzingestank füllt alle Nüstern - das Wagenungetüm entrollt in einer Wolke verwehten Staubs.

Dagegen mein Gesangverein zu Fuß: Die Straße kommt weit droben hinter dem Wald hervor. Eben war sie noch leer. Jetzt auf einmal steht da über einer kompakten, dunkeln Männermasse eine Fahne - die Fahne. Langsam rückt die Erscheinung näher. Man ist das langsame Näherkommen, die gedehnte Erwartung nicht mehr gewöhnt. Die Erscheinung wächst heran. Schon merkt man Bewegung in der Masse, die Beine schlenkern, das dunkle Carré schwankt im Takt - links, rechts, links, rechts! - Die Fahne wippt rhythmisch mit bei jedem Tritt ihres Trägers - vorn der linke Flügelmann fällt als Prachtkerl zuerst in die Augen - der Dirigent hebt die Hand mit der Stimmgabel und wirft einmal energisch das linke Bein, da schmettert es los. Die Tenöre jubeln, die Bässe murksen feierlich verdrossen in der Tiefe und lassen es sich merken, daß sie für den ganzen künstlich gegliederten Ton-Turmbau den Buckel als Fundament hinhalten. Alle aber, welche Stimme sie auch singen, blicken unternehmend und siegessicher nach der Seite, wo die Mädchen stehen. Und die Fahne wallt und das Lied klingt hinaus und an die hundert Beine freuen sich des flotten Taktes. Und das alles ohne Staubbelästigung und Benzingestank.

Die Regierung sollte Prämien aussetzen für Vereine, die ihre Ausflüge zu Fuß machen. Wir sollten es zum Nationalsport erheben, zur malerischen Möblierung unserer Landstraßen an Sonn- und Feiertagen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3190