Original

4. Juni 1926

Eine große Beruhigung wurde mir soeben zuteil. Ich habe mir von jeher Sorgen darüber gemacht, was wohl aus den alten Zylinderhüten würde, Man kennt die normale Laufbahn eines Zylinderhutes. Sie setzt sich aus Fahnenweihen, Fürstenempfängen, Hochzeiten und Begräbnissen zusammen. Aber dann? Durch welche geheimnisvollen Niederungen führt der Weg des Zylinderhutes von dem Tage an, wo der Mann zur Frau gesagt hat: „Den Zwetschgendieb setz ich nicht mehr auf!“ Man weiß nie, was Frauen mit den ausrangierten Zylinderhüten ihrer Männer anfangen. Viele verstauen sie irgendwo in Schrankestiefen in der geheimen Hosfnung, sie würden wieder einmal modern und der Gatte würde sich freuen, den alten Gesellen unversehrt wiederzusinden. Andere benützen die abgetakelten Angströhren zum Aufbewahren von weißen Bohnen. Wie dem auch sei, es bleibt immer noch ein großes Kontingent von Zylinderhüten, von denen man sich nicht vorstellen kann, wie sie ihren Lebensabend verbringen.

Da begegnete mir soeben ein Schornsteinfeger im vollen Ornat. Auf seinem Scheitel thronte ein Zylinderhut, in dem sich die Morgensonne, da sie grade zwischen zwei Wolkenbergen durchbrach, achtstrahlig spiegelte.

Das ist also eine der Berufsmöglichkeiten, die für ältere Zylinder in Betracht kommen. Es ist eine zylinderhutwürdige Bernfsmöglichkeit. Wenn das Handwerk im allgemeinen einen goldnen Boden hat, hier hat es - bildlich gesprochen - ein goldenes Dach. Hier gehört der Zylinderhut zu den Symbolen, in denen sich nicht die Oberfläche des Lebens, Zeremoniell, Parade, Pomp und Fahnen spiegeln, sondern die den Kern des Daseins, die Arbeit, bedeuten. Der Schornsteinfeger setzt den Zylinder nicht als Feiertagszivilhelm auf, sondern als Werktags-Kopfbedeckung, wenn er mit Kugel und Seil und Besen zur Arbeit zieht. Es freut einen jedesmal, wenn man dem schwarzen Gesellen begegnet, in derselben Tracht, wie der er vor siebzig Jahren, als Dicks seinen „Scholdschein“ dichtete, auf dem „Rost“ umging: Och du m um Kamein!

Es freut einen immer, wenn man einem biederen Handwerksmann in seiner Berufstracht begegnet. Wer denkt nicht mit Hochachtung an den alten He Ferdinand Scharff, Luxemburgs populärsten Tischlermeister, der zeitlebens von Montags früh bis Samstags abends in seinem grünen Schurz umging, bis zu den höchsten Herren in ihren Ministerbüros hinauf.

Seit geraumer Zeit sieht man in den Straßen Luxemburgs fremdartig gekleidete Gestalten, über deren Art und Herkunft erst berechtigte Zweifel herrschten. Heute weiß jeder, daß es Mitglieder der Hamburger Zimmermannszunft sind. Schlapphüte und trichterförmig ausgeweitete Hosenbeine sorgen nach oben und unten für einen möglichst breiten Absch der Persönlichkeit, dazwischen erhöhen Ohrringe, Metallknöpfe, Uhrketten usw. den Eindruck des Exotischen. Das Ganze entbehrt nicht eines gewissermaßen mexikanischen Einschlags. Es wäre interessant den Ursprüngen dieser Tracht nachzugehen. Hamburg. Ganz sicher hat einer von Übersee die Anregung dazu mitgebracht, einer, der vielleicht eine Zeitlang unter den Azteken Axt und Säge gehandhabt hatte?

Solche Unisorm hat für den Außenstehenden etwas direkt Beruhigendes. Er sagt sich: Wenn sich jeder so auffällig zu seinem Beruf bekennt, muß es ein tüchtiger Beruf sein, und wer seine Abzeichen tragen darf, muß ein tüchtiger Geselle oder Meister sein. Wer eine Uniform trägt, bekennt sich zu dem, was er ist, er will nicht weniger, aber auch nicht mehr sein. Eine Uniform ist immer eine heilsame Hemmung und man hütet sich, sie der Verachtung preiszugeben. in Uniform irgendwo herausgeschmissen wird, mit sich den ganzen Stand herausgeschmissen. Durch eine gemeinsame Uniform sind alle, die sie tragen, die gemeinsame Sache und untereinander ange Man sieht in dem Mann nicht das Individuum, sondern einen Durchschnitt durch den ganzen Stand.

Was würde mein Kaminfeger von heute dazu sagen, wenn er wüßte, was sein Zylinderhut für Wirkung ausgelöst hat!

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    Katalognummer BW-AK-014-3196