Folgenden Brief teile ich meinen Landsleuten zur Beherzigung mit:
„Sehr geehrter Herr Redakteur!Sie schrieben vor einigeu Tagen, Sie wüßten nicht, ob Sie Ihre Franken in fremden Devisen anlegen sollten.
Tun Sie es nicht!
Ich halte Sie für einen guten luxemburger Patrioten. Ich stand neben Ihnen, als wir nach dem Waffenstillstand auf der Stadthaustreppe den „Feierwon“ sangen. Ihre Stimme klingt mir noch heute in den Ohren.
Nun, ich lege Wert darauf, daß Sie ein guter Patriot bleiben.
Ich war es auch und bin es wieder. Seit gestern. Seit ich meine Franken wieder hereingetauscht habe. Aber eine Woche lang war ich es nicht. Ich muß es einem sagen, wie in einer Beichte, um mein Gewissen zu entlasten. Ich hatte mich verleiten lassen, den Tanz um den Dollar mitzumachen. Das war natürlich schon ein Verrat an der eigenen Sache. Wer dabei hilft, eine Ware in Massen auf den Markt zu werfen, darf sich nicht wundern, wenn sie immer billiger wird.
Aber das war erst der Anfang. Der richtige Verrat am Vaterland begann, als ich mich im Besitz eines Dollarkontos wußte. Von diesem Augenblick an erfüllte mich der sündhafte Wunsch, daß der Dollar unaufhaltsam friege und der Franken demgemäß in die Binsen ginge. Das war die Niedertracht, die Heimtücke. In meinem Herzen war ich in jeder Sekunde ein Verräter an der Heimat.
Vordem war ich, wie gesagt, bis in die Fingerspitzen ein musterhafter Patriot gewesen. Ich freute mich kindlich, wenn es meiner Heimat gut erging, wenn morgens die Nationalkanone die Geburt eines Prinzen oder einer Prinzessin verkündete, wenn die Glocken feierlich zum Te Deum riefen, das Herz lachte mir im Leib, wenn unsere wackern Jungens vom Marsch kamen und mit klingendem Spiel durch die Stadt zogen, und abwechselnd stieg es mir auf die Lippen: Lieb Vaterland magst ruhig sein - und: Behitt du ’t lötzeburger Land!
Jetzt auf einmal war ich wie ausgetauscht. So oft ich bei Werlings vorbei ging und feststellte, daß der Dollar wieder um den Bruchteil eines Punktes gestiegen war, empsand ich eine perverse Genugtuung. Ich rechnete an den Fingern aus, wieviel ich wieder gewonnen hatte, ich sah den Tag kommen, wo der Dollar auf 40 stehen würde und ich mein Barvermögen um ganze 25 Prozent würde vermehrt haben, rein durch meinen geschäftlichen Scharfsinn. Ja, ich ging so weit, die gänzliche Entwertung unseres Franc, also horribile dietu den Ruin meines Vaterlandes ins Auge zu fassen. Um so schlimmer für die, die an unsern Franc, an uns selbst, an das Land geglaubt hatten. Mochten sie zugrunde gehen, wenn nur ich mich dabei bereicherte.
Langsam glitt ich in diese abscheuliche Gesinnung hinein, bis es mir in einer schlaflosen Nacht zum Bewußtsein kam, was ich für ein schlechter Kerl, erbärmlicher Egoist und fluchwürdiger Verräter an der Heimat geworden war.
Sobald am nächsten Morgen die Bank ihre Tore öffnete, stand ich am Schalter und tauschte mein ganzes Konto wieder in Franken um. Dann ging ich mit leichtem, frohem Herzen an mein Tagewerk, indem ich vor mich hinsummte: O du do uewen, dem seng Hand ....
Und siehe da, meine patriotische Treue wurde noch am selben Tag belohnt. Denn abends stand der Franken bereits um zwei Punkte höher.
Ja ja, Herr Redakteur, ans Vaterland ans teure schließ dich an?
Hochachtungsvoll
Fridolin Hiphiphurräh.