Die Stadtpolizei nahm einen jungen Mann fest, der sich anschickte, an einem hiesigen Galanteriewarenladen eines der großen Schaufenster einzuschlagen. Außer Schwämmen, Bürsten, Flacons usw. befindet sich in der Auslage ein Reklamebild für eine Zahncreme. Es stellt ein hübsches Dirndl dar, das den Beschauer mit allen Zähnen anlacht. Die Reklame könnte sich übrigens ebenso gut auf orientalische Busenpillen beziehen.
Nach diesem Bild breitete der junge Mann die Arme aus, als ihn die Polizisten ergriffen. Auf der Wache dauerte es nicht lang, bis sich herausstellte, daß er verrückt war. Aus seinen ziemlich unzusammenhängenden Reden war zu schließen, daß er das hübsche Zahncreme-Mädel als seine Braut betrachtete. Er nannte sie Eva und erzählte, er habe mit ihr verabredet gehabt, heute zum Standesamt und am selben Abend auf Hochzeitreise nach Norwegen zu gehen. Die Rundreisebillets seien in der Site bestellt und auf dem Gipfel der Snehätta hätten sie ein Stelldichein mit Knut Hamsun und seiner Kusine, die würden jetzt ungehalten sein, wenn Eva und er nicht kämen.
Bei einer Leibesvisitation fanden sich in seinen Taschen: dreizehn Zahnbürsten, elf Bartpinsel, vier Kämme, ein Handspiegel, mehrere Parfumfläschchen, sieben Stücke Toilettenseife und folgender Brief:
„Geliebte!Ich halte es nicht länger mehr aus. Jeder Nerv in mir bebt nach Dir. Bedenke! Es sind nun ganz genau vierhundertsiebenundzwanzig Tage, seit ich Dich zum ersten Male sah. Seither gehe ich jeden Tag viermal bei Dir vorbei. Und jedesmal lächelst Du mich an, daß mir das Herz im Leibe hüpft. Jedesmal bilde ich mir ein, Du seiest ganz allein für mich da. Denn es mögen Dutzende von Laffen um mich herumstehen und Dich anhimmeln, Du hast für sie keinen Blick, immer lächelst Du nur für mich, immer leuchten Deine Augen nur in meine Augen. Einmal behauptete neben mir einer, Du sähest ihn an. Er mußte darauf vierzehn Tage lang das Bett hüten.
Also seit vierhundertsiebenundzwanzig Tagen liebe ich Dich wahnsinnig, seit hundertdreißig Tagen weiß ich bestimmt, daß auch Du mich liebst, am vierhundertachtundzwanzigsten Tag soll unsere Hochzeit sein. Ich hole Dich morgen vormittag Punkt zehn Uhr ab, ein Schöffe ist bestellt, der uns kopulieren wird, und dann, Geliebte - der Gedanke macht mich verrückt!
Es ist mir allmählich klar geworden, worin Dein Zauber besteht. Du bist der Extratt aller Frauheit. Du bist Eva, und wo Du bist, ist das Paradies. Ich begreife, daß die Schlange mit Dir ein Techtelmechtel anfing, und daß Adam Dir nicht widerstehen konnte. Du bist Mutter und Geliebte in einem. Du bist Güte und das Verbrechen. Ich sehe Dich grade so als Petroleuse im Zug der Fischweiber nach Versailles, vor eine Kanone gespannt und Unflätig brüllend, wie ich Dich als Lotte Kestner den Kle Brot schneiden sehe. Du hast das Lächeln, mit dem das Weib einem fröhlich das Schönste gewährt es aber einem den Hals umdreht. Du kannst unsäglich glücklich oder unsäglich elend machen und man Dir beides auf den Knien, weil alles beseligt, von Dir kommt.
Also Geliebte, halte Dich bereit, morgen vormittag Punkt zehn Uhr bin ich da!“
Punkt halb elf war er auf dem Wege nach Ettelbrück. Und seine Eva lacht unentwegt einen jeden an der vorbeigeht.