Wörter haben Schicksale, wie Menschen. Sie kommen von unten herauf, aus der anonymen Masse, erleben Aufstieg, Klimax und Niedergang, fristen ein Dasein der Abgegrifsenheit im Proletariat des Clichés. Es geht ihnen, wie weiland General Boulanger.
Eines der neuesten ist das Wort „Realisationen“, das aus dem Pathos der französischen Tribunenschönrednerei in unser politisches Jargon herübergesickert ist.
Dies Wort kommt, wie ein Retter in der Not. Es besagt, was andere vor ihm ebenso deutlich besagten. Aber sie besagten es so oft, daß es ihnen niemand mehr glaubte. Mit diesem neuen Wort scheint es, als sei die Glaubensstärke der Massen blank gescheuert und auf neu lackiert.
„Realisationen!“ Das beschwört lachende Wirklichkeiten herauf. Es belebt einen ganzen nebelhaften Komplex unklarer Ideen, Hoffnungen, Versprechungen. Für diesen ungreifbaren Dunstkreis steht auf einmal wie hingeblasen ein tönendes Wort, aus dem in die Herzen Vertrauen und Begeisterung strahlt.
Man stellt sich lebhaft die Geburt dieses Wortes vor und denkt an die Geburt der Aphrodite aus dem Schaum des Meeres. Ein französischer Politiker, vielleicht war es Poincaré, vielleicht war es Herriot, sitzt bei der Ausarbeitung einer Bankettrede, die er am folgenden Sonntag in einer der kriegverwüsteten Städte halten soll. Man hat den Leuten seit Jahr und Tag versprochen, daß ihre Häuser wieder aufgebaut würden, und noch immer wandeln sie zwischen Trümmern. Soll man am Sonntag vor sie hintreten und die alten Phrasen dreschen? Soll man wieder einmal im Brustton künstlich gemachter Überzeugung versichern, es sei nun endlich so weit, daß von den Worten zu Taten übergegangen werde? Daß endlich etwas von alledem, was versprochen wurde, verwirklicht werden müsse? Verwirklicht? Wirlichkeiten! Wirklichkeiten statt der Versprechungen! Das tut’s! Das ist unverbraucht. Das macht Eindruck, das hat den Leuten noch keiner gesagt.
Doch wartet einmal, Wirklichkeiten? Das sagt nicht genug. Réalités! Es ist ja schon viel besser, als alle die alten rhetorischen Ladenhüter, Erfolg, Taten, Resultate. Aber er, der Mann, der die Rede hält, kommt dabei zu kurz. Eine Realität, das ist etwas, was von sich da ist, auch ohne den, der davon redet. Und nicht wahr, man will doch auch derjenige welcher sein, die Leute sollen mit dem Eindruck heimgehen: Der hat’s geschafft! Also machen wir aus der toten, plumpen Wirklichkeit eine lebendige Verwirklichung. Das ist Handlung, das ist Mühewaltung, Geschick, Hingabe, Mut, Aufopferung, Grütze, Ausdauer, Energie, Äberlegenheit, das ist Erfolg. Das ist Réalisation! Hinter der Wirklichkeit steht auf einmal der Mann, hinter dem Felsblock der Starke, der ihn bergauf wälzt.
Und er sagt dabei in einem fort: Wir! Die Realisationen, die wir durchgesetzt haben, um die wir gekämpft haben, die man uns so lange vorenthalten hat und die man uns endlich für Euch zugestehen mußte!
Dabei meint er natürlich immer nur sich.
Als Poincaré oder Herriot oder ein anderer fran- zösischer Bankettredner dies Wort gesunden und vor dem Spiegel probiert hatte, rieb er sich vergnügt die Hände. Denn er wußte, jetzt war er wieder für eine Zeitlang geborgen.
Das Wort hat seinen Weg gemacht. Aber sein Glück ist schon im Erblassen. Es wird dem fallenden Franken folgen, denn ein Teil seines Inhalts besteht aus dem steigenden Frankenkurs.
Aber auch ohne die Unbill der Valuta ginge es ihm wie allen Wörtern, die eine Zeitlang Hans im Glück waren. Der Auftrieb läßt nach, weil sie alt werden es geht ihnen, wie den blinkenden Kinderba aus denen allmählich das Gas entweicht. Und eines Tages ist es so weit, daß jeder Redner um sie behutsam einen Bogen schlägt, wenn er nicht als blind Schwätzer dastehen will.