Original

10. Juni 1926

Vor zirka einem Monat war hier die Rede von einer neuen deutschen Zeitschrift „für geistig Regsame“. Sie heißt „Der Denksport“ und wird herausgegeben von Ministerialrat Dr. med. Alfred Beyer, Berlin-Neutempelhof. Das erste Heft enthielt allerlei DentsportAufgaben und Denksport-Anekdoten, mit denen sich ein paar Stunden angenehmer Anregung verbringen ließen.

Wie wäre es, wenn wir zur Abwechslung hier ein ähnliches Spiel auflegten und von Zeit zu Zeit eine Denksport-Aufgabe stellten? Für die Lösung wird kein Preis ausgesetzt, es wird auch nicht beabsichtigt, daß die Lösungen zur Beurteilung eingesandt werden. Sie sind eben so einfach, daß ihre Richtigkeit sich sofort von selbst ergeben muß. Es ist auf keinerlei Irreführung, keinerlei Komplikation abgesehen, die richtige Antwort muß unweigerlich das Ergebnis gründlichen Nachdenkens sein. Und darauf kommt es an, auf die Anregung zum Nachdenken.

Wenn Sie freundlichst gestatten, machen wir den Anfang mit einer Aufgabe, die an Einfachheit dem Ei des Kolumbus den Rang streitig macht.

An einem schönen Sommersonntag kommen 2 Herren aus der Gegend von Lüttich mit dem Zug von 10.08 ab Luxemburg nach Kautenbach. Zwei reiche Sportsleute, die seit vierzehn Tagen das ganze Land abgefischt haben und nun auch im Ösling auf Forellen angeln wollen. Um 11.33 treffen sie in Kautenbach ein, wo Herr Gottal sie auf seine Fischerei in der Clerf - zwischen Kautenbach und Alscheid eingeladen hat.

„Guten Tag, Herr Bonnardeaux,“ begrüßt Herr Gottal den älteren der beiden Belgier.

„Morgen, Herr Gottal,“ antwortet Herr Bonnardeaux. „Dieses ist mein Schwiegersohn, Herr Tosquinet. Was machen die Forellen?“

„Ich danke,“ sagt Herr Gottal. „Sie werden sich eine Ehre machen, von zwei so hervorragenden Rittern von der Gerte erlegt zu werden.“

Nach einem kleinen Frühschoppen in der gemütlichen Stube des Herrn Gottal verteilten sich die drei Herren auf die Strecke.

„Wir wollen nicht lange fischen,“ sagte Herr Bonnardeaux, „wir wollen um 18.42 mit dem Schnellzug nach Lüttich fahren und vorher noch gemütlich in der Bahnhofwirtschaft zu Nacht speisen.“

„Petri Heil!“ sagte Herr Gottal.

Es wurde 14, es wurde 15, es wurde 16 es wurde 17 Uhr, ohne daß sich einer von den Fischern blicken ließ. Doch, kurz vor 15 Uhr hatten Kinder, die in den Wäldern Erdbeeren suchten, die beiden Fremden noch beim Fischen beobachtet.

Um 17.30 kam Herr Gottal in furchtbarer. Aufregung über den Bahndamm gelaufen und meldete atemlos, daß er im großen, gekrümmten Kautenbacher Tunnel die gräßlich verstümmelten Leichen der beiden Belgier hatte liegen sehen.

Sofort eilten Leute mit Windlichtern an Ort und Stelle und fanden das Entsetzliche bestätigt.

Als die Verwandten eintrafen, stellte sich folgende Verwicklung heraus:

Der Schwiegersohn des Herrn Bonnardeaux, Herr Tosquinet, war Witwer. Die Erbverhältnisse waren so geordnet, daß Tosquinet, wenn er Bonnardeaux überlebte, das Vermögen seiner verstorbenen Frau, von dem er die Nutznießung hatte, auf seine Familie vererben konnte, während umgekehrt alles an die Bonnardeaux’s zurückfiel.

Wie konnte einwandfrei festgestellt werden, welcher von beiden am längsten gelebt hatte?

Es sind zwei gleich sichere und gleich einfache Lösungen möglich.

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    Katalognummer BW-AK-014-3201