Erstes Bild: Vor dem Eingang eines der ersten Hotels von Luxemburg verhandeln mehrere Herren mit dem Portier. Sie möchten für die Nacht Zimmer haben, er erklärt, es sei alles besetzt. Sie finden das für die Jahreszeit wenig glaubhaft. Er bleibt bei seiner Behauptung. Sie fragen, wo sie denn sonstwo unterkommen könnten. Er redet andeutungsweise und achselzuckend von einer Herberge „Zur Heimat“.
Darauf drehen sie ihm den Rücken und gehen weiter.
Sie sind wirklich, was man nach dem gemeinen Sprachgebrauch „Herren“ nennt. Sie tragen schwarze Schoßjacken und schwarze harte Hüte, ich glaube sogar Glacé-Handschuhe. Und dazu jeder einen Rucksack. Einen Rucksack, dem man ansieht, daß er außer Nachthemd, Zahnbürste, Gilette, Seife nur noch einige Taschentücher, ein Paar Strümpfe, ein Schinkenbrot und eine Flasche Cognac enthält.
Zweites Bild: Ein Mann geht über die neue Brücke stadtwärts. Er hat einen Reiseanzug aus grünbräunlichem Loden an, sein rotblondes Haar ist so kurz geschoren, daß die Kopfhaut kupferig durchleuchtet. Nichts an ihm verrät das Dasein eines Hutes.
Auch er trägt einen Rucksack.
Jedermann kann in diesen Tagen ähnliche Anblicke genießen.
Der Rucksack ist ein Kulturinstrument sui generis. Da, wo er sozusagen organisch gewachsen vorkommt, wirkt er in seiner Art ästhetisch.
Zunächst: Er ist bequem. Er ist das Ideal des tragbaren Behälters. Er ist wie ein guter Magen oder ein gutes Gewissen. Er verträgt immer noch mehr. Wenn Du glaubst, er ist voll, so kannst Du immer noch eine Kiste Zigarren, eine Flasche Rotwein oder eine Unterhose hineinstopfen. Und dann noch ein Bändchen Reiselektüre.
Da draußen in den Wäldern und Bergen und auf den Landstraßen, da ist die Heimat des Rucksacks. Da kann er wirklich schön sein. Da kann man es sogar erträglich finden, daß er einem Wandervogelweibchen mit beiden Riemen in die schmalen Schultern schneidet. Die Figur eines Jägers oder Holzknechts oder Wilderers wäre ohne Rucksack nicht vollständig.
Aber eine Geschmacklosigkeit und Kultursünde ist es, den Racksack unter dem Vorwand der Bequemlichkeit salonfähig machen zu wollen.
Es gibt etwas, das man die Konstruktivität der Lebensäußerlichkeiten nennen könnte, ein gesetzmäßiges Verhältnis, einen goldenen Schnitt. Wo darauf nicht Rücksicht genommen wird, entsteht ein Mißverhältnis, ein Stilfehler, eine Geschmacklosigkeit, die ein Verbrechen gegen die Ästhetik ist.
Es ist etwas Wundervolles um die sogenannte goldne Rücksichtslosigkeit, aber sie muß dem, der sie übt, zu Gesicht stehen. Ein Rucksack mag als Sinnbild der goldenen Rücksichtslosigkeit gelten, aber er steht einem Oberlehrer oder meinetwegen Weinreisenden oder Bankkassierer oder überhaupt einem Stadtfrack in Urlaub und Gehrock mit nichten zu Gesicht. Ebenso berechtigt wäre es, wenn diese Leute sich beispielsweise einen Maurerschurz vorbänden unter dem Vorwand der Zweckmäßigkeit, weil sie damit ihre Hosen schonen wollen.
Die gesellschaftlichen Stilformen sind nicht willkürlich entstanden. Sie haben sich als äußere Anzeichen innerer Rücksichtnahme des einen auf den andern langsam und sicher herausgebildet. Sie sind nicht alle ewig und unabänderlich. Vielleicht kommt es mit der Zeit dahin, daß der Rucksack zur Ausrüstung eines Gesandtschaftsattachés gehört. Vorläufig ist er in einem Stilganzen ein Teil, der in ein anderes Stilganze nicht verpflanzt werden darf, ohne daß sich der Verpflanzer lächerlich macht.