Original

12. Juni 1926

Wer liest denn noch Plakate?

Ich hätte es wahrscheinlich auch nie gelesen, hinge es nicht grade an der Ecke, wo ich auf meine Elektrische zu warten pflege.

Auch dann hätte ich es nicht gelesen, wenn mir nicht ein kleiner gelber Zettel aufgefallen wäre, der am Rand klebte. Darauf stand: „Wird dieses Plakat von einem Unbefugten überklebt, werde ich Sorge tragen, daß sein Plakat zugedeckt wird.“ Darunter der Name des Reklame-Unternehmers.

Wer solche Herausforderung liest, möchte natürlich wissen, was denn so Kostbares da vor dem Überklebtwerden beschützt wird. Und auf diese Weise erfuhr ich, daß in der alten Bahnhofavenue in dem neuen Geschäft von Bradtke, gleich links, wenn Sie über die Brücke sind, Fräulein Germaine Tailleur aus Fontainebleau ihre Aquarelle ausstellt.

Auch ein Zeichen unserer beginnenden Großstadtwerdung: daß sich nicht alles mehr um den Paradeplatz konzentriert, daß auch im Bahnhofviertel schon Kunstausstellungen ein angemessenes Heim finden.

Man behändigte mir ein Verzeichnis der @ gestellten Bilder mit einer Vorrede von Y. de @ tigny, woraus ich erfuhr, daß Frl. Germaine Ta@ einer vorzeiten spanischen Familie aus der Fra@ Comté entstammt, mit vier Jahren von Besançon @ Fontainebleau kam und seither diese berühmte Kön@ und Malerheimat nicht mehr verlassen hat. Sie @ bei Madeleine Lemaire und Blanche Odin Bl@ bei Pierre Vignal Landschaften malen - eri@ Sie sich? Pierre Vignal, von dem Sie in einer@ letzten Weihnachtsnummern der „Illustration“ @ schönen Bilder zu dem Aufsatz von Henry Bord@ über Jerusalem sahen?

Fräulein Germaine Tailleur, so erzählt von @ Y. de Montigny, rang gegen alle Schwierigkeiten @ der Zähigkeit ihrer Rasse - „Comtois, rends-to@ Nenni, ma foi!“ - und mit dem Erfolg, daß @ Kunst der Wasserfarben für sie keine Gehei@ mehr hat.

Ihr Darstellungsgebiet liegt in ihrer eng@ Heimat Fontainebleau. Kaum ein Eckchen aus @ Umgebung und dem Innern des Schlosses, dem nicht ein Bild oder ein Bildchen abgewonnen @ Landschaft, Architektur, Innenräume. Besonde@ der Wiedergabe der von Gold, Samt und S@ strotzenden Sale und Galerien entwickelt sie @ Virtuosität, die den Schwierigkeiten mit Fleiß @ geht, um ebensoviele Triumphe zu feiern. Grad@ diesen Interieurs offenbart sich das Talent der K@ lerin für das Festhalten von Licht- und Fa@ wirkungen. Betrachten Sie sich beispielsweise @ links vom Eingang das Bild Nr. 56, das den T@ saal im Schloß von Fontainebleau vorstellt. Der @ druck der Wirklichkeit könnte nicht stärker sein, @ leicht verschossene Rot der Samtmöbel und Dra@ wirkt in dem fahlen Tageslicht mit der unb@ herzigen Wehmut all dieser Prachtgemächer, die @ noch von reisenden Hechzeitspärchen und Cpot@ wanen betreten werden. So unwiderstehlich @ Realismus dieses Bildes, daß man meint, @ Bädecker in der Linken und die leichte Nachwi@ des Mittagessens mit der Flasche Vouvray @ und Gliedern zu spüren.

Hüten wir uns, eine Kunstkritik zu schreiben @ kritik ist heute fast ebenso schlimmt, wie Politik, @ leicht noch schlimmer. Sagen wir so: Wer Bild@ hat, wie er sie immer zu sehen gewohnt war und @ sie ihm immer als vortreffliche Bilder galten, @ in der Ausstellung Germaine Tailleur eine ge@ reiche Stunde verbringen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3203