Grimmberger schüttelte die eine Faust, mit der er seinen Regenschirmgriff nicht umspannte, ingrimmig gegen den grauen Himmel, von dem es unablässig troff. Und er fluchte dazu seine inbrünstigen Flüche.
„Medardus! Noch vierzig Tage! Und so was wird heilig gesprochen!“
„Mensch ärgere dich nicht!“ wagte ich ihn zu unterbrechen.
„Na ja, darauf habe ich gewartet! Auch so’n geflügelter Blödsinn!“
„Bitte, Herr Grimmberger, das ist der weiseste Rat, den die Menschheit sich jemals selber gegeben hat.“
„Hat bis jetzt nicht viel davon profitiert.“
„Weil sie ihn zu wenig befolgt.“
Er zuckte mitleidig und höhnisch lächelnd die Achseln.
„Doch, Herr Grimmberger. Ich habe mein Leben lang den Spruch ausprobiert und immer gefunden, daß ich am besten dabei fuhr, wenn ich ihn befolgte.“
„Spottet sein selbst und weiß nicht wie!“
„Als Student im ersten Semester las ich den Spruch in einem Märzbierausschank auf dem Kreuzberg bei Berlin zum ersten Mal, und sofort leuchtete mir seine Weisheit ein.“
„Jawohl. Und daneben stand ein andrer: Mensch du mußt heiraten! Einer so weise, wie der andre!“
„Keine Ablenkung, Herr Grimmberger. Ich erkannte auf Anhieb, daß dieser Rat in jedem Betracht den, der ihn befolgte, fördern mußte. Daß es klug, gesund, ästhetisch ist, sich nicht zu ärgern.“
„Reden Sie, häufen Sie Ihren Blödsinn so hoch, daß er von selber zusammenbröckelt.“
„Wollen Sie bestreiten, daß es klug ist, sich nicht zu ärgern? Wer sich ärgert, gleicht dem Mann, der auf schwanker, aber sicherer Grundlage steht und plötzlich zu tanzen und um sich zu schlagen anfängt, bis er das Rad schlägt. Wollen Sie in Abrede stellen, daß es ungesund ist, sich zu ärgern? Jeder Arzt wird Ihnen eine Statistik der Gelbsucht entgegenhalten. Im Lachen verdauen Sie Hummermayonnaise mit Kirschen und Jungbier, im Ärger bleibt Ihnen eine Tasse Milch mit Zwieback auf dem Magen sitzen.“
„Nein, es waren weichgekochte Eier mit einer Tasse Tee,“ sagte Grimmberger, mehr für sich.
„Und die Ästhetik, Herr Grimmberger. So schön man sich einen wütenden Ajax und einen rasenden Roland denkt, so spießbürgerlich sähen beide aus, wenn sie von Ärger, statt von Raserei, Wut, Zorn besessen wären. Der Ärger ist gegen diese Gemütsbewegungen, was die Zipfelmütze gegen den Helm, der Besen gegen das Schwert ist. Ein Mensch, der sich ärgert, hat kein Organ für Ästhetik, oder es ist ihm für den Augenblick abhanden gekommen. Grade heute, wo der Amerikanismus Trumpf ist, sollten wir uns den Ärger abtrainieren. Haben Sie jemals gesehen, daß sich beispielsweise Tom Mix über etwas ärgert? Der Ärger ist Kräftevergeudung und die darf es in Amerika nicht mehr geben.“
„Ich weiß, Ford, Efficiency, Yankee Doodle, National Emblem,“ kochte es langsam bei Grimmberger hoch.
„Haben Sie ’ne Ahnung! Ich ärgere mich doch nicht, weil ich will, sondern weil ich muß, weil ich nicht anders kann. Schleudern Sie einen Stein ins Wasser, so wirst das Wasser Ringe, schleudern Sie ihn aufs Eis, so bleibt das Eis unbeweglich. Machen Sie sich klar, daß ich Nerven habe, und daß meine Nerven nicht eingefroren und nicht in eine dreidoppelte Fettschicht eingebettet sind. Wer mir gegen den Strich über meine Nerven fährt, tut mir weh und ärgert mich. Es gibt Leute, die keine Nerven haben. Das ist sehr gut, solange diese Leute ein Gewissen haben. Haben sie kein Gewissen, so werden sie zur Gefahr für die Allgemeinheit. Es ist besser, einen schlechten Magen und ein gutes Gewissen haben, als einen guten Magen und ein schlechtes Gewissen.“
„Das Letztere gibt es nicht, Herr Grimmberger,“ widersprach ich ihm.
Da wurde er anzüglich, und es war höchste Zeit, daß ich das Gespräch abbrach.