Original

15. Juni 1926

„Ihr glaubt gar nicht, wie weit,“ sagte Leo - „wie weit unsere Sprache reicht! Doch ich will nicht vorgreifen.“

Er stopfte seine lange Pfeife, setzte sie in Brand, trank einen Schluck Clüsserather und begann:

„Ja!“ (Er fängt seine Geschichten gerne mit ja! an. Das heißt soviel wie: Daran ist nicht zu rütteln, das ist nun einmal so!)

„Ja! Damals studierten wir in - sagen wir Zürich. Unsere Stammkneipe war die „Blaue Fahne“. Eines Tages, wir waren drei - sagen wir: der Männy, der Monny und ich -, die in der „Blauen Fahne“ Abend essen wollten. Die Marie stand an unserm Tisch mit gezücktem Bleistift, die Bestellungen zu notieren. Die Marie war kein übles Mädchen. Ihr erlaßt mir die Beschreibung. Und eine brave Haut.

Der zuletzt bestellte, war der Monny. Er kannte sie noch nicht, sah sie zum ersten Mal. Sonst wäre alles nicht vorgekommen.

Der Monny hatte eine Vorliebe für Eierspeisen. Er bestellte sich ein halbes Dutzend Spiegeleier mit Schinken.

„Und nachher?“ frug die Marie.

Nachher können Sie .....“. Ich bitte, den Rest bei Goethe, Götz von Berlichingen, nachzulesen. Übrigens, es ist ein Glück, daß Goethe den Einfall hatte, jene Szene zu schreiben. Wie vielen hat er damit schon aus der Verlegenheit geholfen! Diese Geschichte wäre zum Beispiel in Damengesellschaft unmöglich ohne die vermümpelnde Beziehung auf Götz von Berlichingen.

Die Marie hatte keine humanistische Bildung genossen. Sie nahm darum das Zitat aus Götz übel. Wir sahen sie am Büffet mit dem Wirt verhandeln und Augen nach uns machen. Darauf kam der Wirt an unsern Tisch, stützte beide Hände darauf und sagte, er bitte die Herren, das Lokal zu verlassen. Als wir versuchten, dem Fall eine harmlose Seite abzugewinnen, machte er unfreundliche Andeutungen, in denen Heinrich, der Schankkellner, eine Rolle spielte.

Ich sagte zum Männy: „Das Gescheitste ist, wir räumen das Feld. Suchen wir zwei, als die ersten bei der Türe hinaus zu sein.“

Heinrich der Schankkellner hatte sich nämlich inzwischen neben der Türe aufgestellt und hielt sie mit einladender - oder soll ich sagen; ausladender Gebärde offen.

Wie recht ich hatte, stellte sich heraus, als wir beide das Freie gewonnen hatten und der Monny hoch im Bogen uns nachgeflogen kam. Hinter ihm war für den Bruchteil einer Sekunde der genagelte Bundschuh (Nr. 47) des Schankkellners Heinrich sichtbar.

Als wir dem Monny auf die Beine geholfen hatten, sagte er träumerisch:

„Ich hätte nie gedacht, daß sie hier in Zürich unsere Sprache verstehen!“

Das war es also - sagte Leo - was ich beweisen wollte.

Die Marie hat uns übrigens später wieder in Gnaden aufgenommen. Als wir dachten, es sei Gras über die Geschichte gewachsen, gingen wir eines Tages wieder in die „Blaue Fahne“ und entschuldigten uns beim Wirt, es sei ein Dummejungenstreich gewesen und der Monny hätte nie geglaubt, daß ihn in Zürich eine lebende Seele verstehen würde.

„Das machen Sie mit der Marie ab,“ sagte der Wirt.

Wir trugen der Marie den Fall vor. Die Marie sagte: „Ich hab ja schon so lang auf Sie gewartet!“

Ein Prachtmädel war die Marie. Ja! Ich kann keine Spiegeleier mit Schinken sehen, ohne an sie zu denken,“ sagte Leo, trank einen Schuß Clüsserather und stopfte sich eine Pfeife.

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    Katalognummer BW-AK-014-3205