Als ich kürzlich vor einem Tom Mix-Film saß, sagte eine Dame neben mir: „Der gute Tom fängt an, fetter zu werden. Er hat viel breitere, fleischigere Kinnladen, als früher.“
Diese Dame lebt in der Fiktion, daß der letzte Film, den sie von Tom Mix sieht, zeitlich der letzte ist, in dem er mitgewirkt hat, und daß er folgerichtig in dem letzten, den sie von ihm sieht, älter sein muß, als in dem ersten, der sie mit den unglaublichen Bravourstücken dieses Schwerenöters bekannt machte.
Das ist das Unheimliche am Film, daß er das Leben mit Menschen und Schicksalen zu einem Spielzeug macht, das man auf Räder stellen und in der Zeit und im Raum hinauf und herunter schieben kann. Was vor zehn Jahren in Alaska geschehen ist, sehen sie über zwanzig Jahre in Schlindermanderscheid passieren, und dabei stellen sie sich vor, es sei gestern gewesen.
Hier ist Eines auffällig.
„Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.“ - Was 1798 in Weimar stimmte, bräuchte, so sollte man glauben, heute nicht mehr zu stimmen. Denn der Mime, der in einem gekurbelten Drama mitwirkt, darf es in dem erhebenden Bewußtsein tun, daß noch nach hundert Jahren den Frauen vor seinen gefletschten Zähnen das Gruseln am Rückgrat herauf und herunter rieseln wird, daß um 2020 herum die Backfische ihn noch anschwärmen werden, wenn sie ihn auch nicht mehr brieflich um eine Schläfenlocke bitten können. Und welche Bereicherung wäre es, wenn wir heute nur fünf Sekunden lang einen Molière, Shakespeare, Talma, Mounet Sulin, eine Rachel, SchroederDevrient, Frieb-Blaumauer u. a. m. lebendig vor unserm leiblichen Auge agieren sehen könnten! (Jawohl, Fräulein Sarah Bernhardt, Sie auch!)
Ist es nun wirklich so, daß der Film dem Mimen die Brücke zu den Lorbeerkränzen der Nachwelt gebaut hat?
Für die Sänger, Geiger und andere Musikanten hat das Grammophon die Unsterblichkeit zur Wirklichkeit gemacht. Noch nach Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten wird man hingerissen den hohen Brusttönen Caruso’s und den Trillern der Galli-Curci lauschen. Aber hat der Film für die Helden und Heldinnen der Bühne dieselbe körperliche Unsterblichkeit geschaffen?
Bis jetzt ist davon nichts zu merken. Es gab vor zirka zehn Jahren einen Mimen, vor dessen Augenaufschlag alle Frauenherzen zitterten: Es war Psylander der Große! Und wer denkt heute noch an ihn? Wer gäbe heute noch fünf Franken aus, um seine Torso-Effekte zu bewundern? Angenommen, es beständen Dutzende von Filmen mit Mounet-Sully in der Hauptrolle: Glauben Sie, daß sie heute noch zugkräftig wären?
Ist das nicht der schlagendste Beweis dafür, daß das Wesen des Films auf einem ganz andern Gebiet liegt, als das des lebendigen Bühnenwortes? Die großen Schauspieler aller Zeiten verdankten ihren Ruhm nicht nur der sichtbaren Mimik, sondern auch dem hörbaren Zauber ihres Wortes. Was wäre Kainz gewesen ohne seine Stimme? Was wäre uns, trotz allem, ein stummer Molière, ein stummer Shakespeare?
Nichts beweist klarér, daß der Film ein Zeitdokument für die Zeit aus der Zeit ist, daß er nur das sein sollte und nur das sein kann. Er wird aufhören, der Bühne eine wirksame und verderbliche Konkurrenz zu machen, sobald sich die Wirkungssphären der beiden scharf gegeneinander werden abgegrenzt haben, sobald die eine nur das zu geben sucht, was der andere nicht geben kann. Der langweiligste Film ist heute der, in dem zwischen den Bildern lange Erklärungen den Lauf der Handlung unterbrechen müssen. Und das geistloseste Theaterstück ist das, bei dem der Zuschauer das Empfinden hat, daß die Schauspieler zu viel reden, daß es auch ohne Worte ginge.
Dort ist das Wort lästig, hier ist es Hauptsache.
Die Vegriffe sind in diesem Betracht noch unzureichend abgeklärt, die Wirkungsgebiete unklar abgegrenzt. Und es bleibt dabei, daß die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht, weil ein Teil des Besten, das er uns zu schenken hat, durch keinen Film verewigt werden kann.