Original

18. Juni 1926

Ein Haus wird versteigert.

Das ist fast immer etwas Aufregendes. Denn ein Haus ist fast immer ein Stück von einem Menschenleben, das sozusagen mitversteigert wird. In der Regel muß einer sterben oder verderben oder auswandern, damit ein Haus versteigert wird.

Nicht nur, daß das Haus seinen Besitzer wechselt, die Versteigerung bedeutet noch einen andern Wechsel. Ein Besitz, ein Vermögen geht aus flüssigem in festen und umgekehrt aus festem in flüssigen Zustand über. Ein Haus verwandelt sich aus Stein und Holz und Eisen und Erde und Schiefer und Glas in papierne Tausendfrankscheine, die im Wind zerstieben können. Umgekehrt: Die Arbeit von Jahren und Jahrzehnten verdichtet sich zu einem sichern Heim. Ein Traum erfüllt sich, Wurzeln werden geschlagen.

Das Normale wäre, daß jeder auf Erden sein Haus hätte, in dem er daheim wäre. Es gibt Naturen, die es ohne Haus nicht aushalten. Fragt in Walferdingen nach dem alten Bendel, dem die Frau in Paris mit aller Barschaft durchgegangen war: Er hatte am Waldesrand daheim noch ein Ackerstück, dort baute er sich aus Fichtenstangen, Lehm und Ginster eine Hütte. Denn er war von denen, die ohne eigenes Haus nicht leben können. Wieviele gibt es, die ihr Haus mit eigenen Händen bauen, die Fundamente ausschachten, Steine und Sand und Kalk herbeischleppen, beim Mauern „appern“, bis der letzte Schiefer auf dem Dach liegt! „Dies Haus hat unser Großvater selbst gebaut,“ sagen später stolz die Enkel.

Haus ist erweiterte Kleidung. Kleider leiht man nicht aus, darum sollte auch niemand zur Miete zu wohnen brauchen. Wäre das nicht der einfachste Weg zur Lösung der sozialen Frage? Aber leider hat das Einsache der Welt immer am wenigsten eingeleuchtet.

In den Zeitungen stand, ein Haus wird versteigert. In der Wirtschaft Soundso, drei Uhr nachmittags. Jeder weiß, es wird nicht vor vier Uhr angefangen. Trotzdem kommen schon um drei Uhr Leute, die nichts Besseres zu tun haben. Sie führen sachkundige Gespräche über den Wert des Hauses. Die Ankunft des Notars mit Schreiber und Ausrufer macht Sensation. Wie wenn bei einem Begräbnis die Geistlichkeit mit den Messedienern eintrifft. Der Schreiber packt Papiere aus seiner Mappe und stellt sein Tintenfaß zurecht. Zu einer Füllfeder hat er es noch nicht gebracht. Langsam schieben sich weitere Neugierige bei der Türe herein. Langsam, denn bei einer Versteigerung ist@ schlechter Stil, sich beflissen zu zeigen. Der Ausru@ rekognosziert das Terrain. Er weiß Bescheid. @ der summenden Masse der Neugierigen - Zi@ neugierige, die kein positives Interesse an der Sa@ haben, Fachleute des Grundgütermarktes, die wi@ wollen, wie der Hase läuft, - aus all dieser bun@ Gesellschaft ragen für den Ausrufer - allen ande@ unsichtbar - die ernsten Liebhaber empor, zwei, d@ vielleicht vier. Und er weiß instinktiv, wer das Renn@ machen wird.

Plötzliche Stille. Der Notar verliest und erklärt @ Bedingungen. Und dann beginnt der Ausrufer, @ Zitrone auszupressen. Er preßt sie aus bis auf @ letzten Tropfen-Seine Stimme klingt voll und bied@ vertrauenerweckend, Honnertfönnefave’erzegdause@ Fräng! ruft er über die Köpfe der Versammlu@ Wenn er in der Rede tagüber von Franken spri@ sagt er Frang, aber sobald er in der Ausübung sei@ Amtes ist, ruft er nach einer alten Familientraditi@ immer Fräng. Es ist klangvoller, glänzender, @ denkt dabei immer noch an den alten Frang, de@ Mehrzahl Fräng war und der auf seiner Goldba@ so sicher stand, wie ein Haus auf Felsen.

Über 5000 Franken-Stufen klettern die Angeb@ hoch, bis der Sättigungspunkt nahezu erreicht ist, @ beiden Liebhaber - es sind nur noch zwei - tau@ sich reihum erst noch mit 1000, dann nur mit @ Franken unter. Bis endlich der erlösende Schlag@ dem Stock auf den Tisch fällt.

Und dann könnt Ihr den endgültig Getauch@ sehen, wie er aufatmet und seinen Bekannten eis@ vorrechnet, auf wieviel letzten Endes das Haus @ stellen wird, die Kosten, die Reparaturen, was @ dran hängen muß - nee, Kinder, das war es @ nicht wert!

Aber 500 Franken weniger wäre es ihm w@ gewesen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3208