Original

19. Juni 1926

Kennen Sie das Brück’sche Gesetz?

Ich wette zehn gegen eins, daß Sie es nicht kennen.

Kennen Sie Nicokas Remy Brück, der dies Gesetz erfand?

Ebensowenig. Sie müßten denn die letzte Nummer der Brüsseler „Dernière Heure“ gelesen haben.

Darin steht die Lebensgeschichte dieses längst verschollenen Nicolas Remy Brück nebst einer kurzen Inhaltsangabe seines Gesetzes.

Er war am 1. Oktober 1818 in Diekirch geboren - „also offenbar Belgier“, stellt der Verfasser des Artikels fest, um eine Behauptung zu widerlegen, die er soeben in einem Trambahnwagen gehört hatte: Brück sei nämlich „une espèce de Boche“ gewesen, „son nom l’indique du reste.“ (Der Name Brück ist beiläufig grade so boche, wie Schwob und ScheurerKestner und Kistemaekers und Rumpelmeier, alles hochkarätige Franzosen.)

Nicolas-Remy Brück kam mit 18 Jahren in die Brüsseler Militärschule, wurde 1855 als Hauptmann zur Topographie-Brigade des Gepiekorps nach Mons beordert, 1868 zum Major befördert und starb am 21. Februar 1870, „arm, wie er gelebt hatte“.

In dem Artikel der „Dernière Heure“ stehen u. a. folgende Sätze: „Zu seinen Lebzeiten spann die amtliche Welt um ihn die schimpfliche Verschwörung des Totschweigens. Der Mann, den viele vorzügliche Offiziere heute als eine ruhmreiche Figur unserer Nationalgeschichte in Anspruch nehmen, sank ins Grab inmitten dieses eisigen Schweigens. Von all seinen Kameraden wagte nur General Brialmont seinem Sarg „außerdienstlich“ zu folgen. Die akademische und ordenbehängte Welt blieb seinem schlichten Begräbnis schmollend fern. Heute will man ihn geflissentlich ignorieren oder behandelt ihn als verrückt.“

Welches ist nun dies geheimnisvolle Brück’sche Gesetz, das die Wissenschaft bisher nicht in ihren Kodex hat aufnehmen wollen?

Seine Entdeckung fällt in die Zeit um 1860. Brück hatte sich als Chef einer Topographiebrigade naturgemäß viel mit höherer Mathematik und auch mit Magnetismus zu beschäftigen. Er brachte ganze Nächte damit zu, die Wirtungen des Erdmagnetismus zu beobachten, und opferte alle seine Ersparnisse, um die Ergebnisse seiner Beobachtungen zu veröffentlichen.

Sein Gesetz läßt sich wie folgt zusammenfassen:

Die Sonne entwickelt einen magnetischen Cinfluß genau an der Stelle der Erdoberfläche, durch die die Verbindungslinie vom Mittelpunkt der Sonne zum Mittelpunkt der Erde hindurchgeht. Daraus entsteht Erdmagnetismus. Dieser übt einen vorwiegenden Einfluß auf die Tätigkeit der Lebewesen aus. Der Einwirkungspunkt verschiebt sich in periodischen Zwischenräumen, die nach astronomischen Gesetzen zu berechnen sind und mit denen dann auch der entsprechende Grad in der Tätigkeit und Zivilisation der Völter zusammenfällt.

Brück hat ausgerechnet, daß die Dauer dieses periodischen Zwischenraums 516 Jahre beträgt und demgemäß festgestellt, daß die Zivilisation von Indien, ihrem Ursprungsland, aus, zugleich mit der Verbindungslinie zwischen dem Mittelpunkt von Sonne und Erde westwärts fortgeschritten ist, und zwar nacheinander über Babylon, Jerusalem, Athen, Rom und Paris, also die Hauptstädte der jeweilig führenden Völker. Zurzeit geht jene Verbindungslinie unstreitig durch London, und London ist heute die Hauptstadt der zivilisierten Welt.

Wir können hier nicht ohne ein trostreiches und erhebendes Gefühl von diesen interessanten Mitteilungen Kenntnis nehmen. Wenn alles davon abhängt, wo die Verbindungslinie zwischen Sonnenund Erdzentrum jeweilig durchgeht, warum soll es dann nicht eines schönen Tages dahin kommen, daß diese Linie mitten durch das „Sche’eschlach“, das Herz Luxemburgs, hindurchgeht, und daß der Fischmarkt der Nabel der zivilisierten Welt wird?

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    Katalognummer BW-AK-014-3209