Original

22. Juni 1926

Hinter den scheidenden Fürstlichkeiten her war der „Wilhelmus“ verklungen und aufatmend standen die Gäste des „Kunstvereins“ in den Ausstellungssälen und sagten einander, was sie entzückend und was sie gräßlich fanden.

Ich war auf einem Stuhl in der Abteilung der Toten vor Anker gegangen. Um mich war wie ein Duft von Zimt und Rosinen und Gewürznelken aus alten Schubladen. Das Orchester spielte Lieder von Schumann. „Du bist die Ruh, Du bist der Frieden - Du bist vom Himmel mir beschieden .... (Wie fein, daß das Orchester unsichtbar war! Daß man die ganze Herrlichkeit als ein Geschenk des Himmels empfand, nicht eines Herrn in Frack und Rückenansicht, der überzeugt ist, er sei bei der Musik die Hauptsache.)

Jawohl, meine Damen! Diese Ihre Großmütter und Urgroßtanten, die hier, von halb und ganz vergessenen Meistern gemalt, an den Wänden aus salonfähigem Sackleinen hängen, diese waren imstand, Dichter und Komponisten zu Liedern zu begeistern, wie die, deren süße und leidenschaftliche Weisen Sie jetzt umfließen. Jawohl, meine Herren, so hinreißend wußten Ihre Groß- und Urgroßväter ihre entflammten Herzen ihren Herzallerliebsten zu Füßen zu legen!

Ich weiß von einer Gemäldeausstellung des großen Russen Werestschagin in Berlin. Irgendwo im Hintergrund spielte eine Orgel wehmütige Weisen, während auf den Bildern ringsum die russischen Soldaten auf den Schlachtfeldern, in weißen Schneewüsten verbluteten.

Wie schade, daß Fernand Mertens mit seiner Künstlerschar nicht jeden Tag - wäre es auch nur ein Viertelstündchen lang - zu den Bildern unserer alten Maler ein paar Lieder von Schumann spielt.

Die Großmütter und Großväter der Freunde, mit denen wir heute am Stammtisch sitzen, die mit denselben Augen und denselben Mündern, wie jene, in die Welt lachen - die traten aus ihren Rahmen und setzten sich gemütlich zu mir und sagten: Sehen Sie, junger Mann, als diese Lieder entstanden, da war Ihre Heimat Luxemburg auch längst kein Froschteich mehr. Sie können sagen, daß Sie von was her sind. Sehen Sie uns an: Unsere Mieder sind von den besten Pariser Firmen, unsere Seidenroben haben uns unsere Gatten von ihren Geschäftsreisen mitgebracht, und die Spitzenröckchen und alles, was Sie auf dem Bild nicht sehen, ist prima bis aufs letzte Fädchen. - Und die Herren: Unserer Fräcke und Westen und Hosen hätte sich George Bryan Brummell nicht geschämt. Und wir hatten hier in Luxemburg unser gerütteltes Maß europäischer Kultur, so gut wie unsere Nachbarn. Sonst wären bei uns keine Maler entstanden, wie die, deren Bilder Sie heute hier bewundern. Wir waren ein armes Land, es war unweit der Jahre, wo man im Norden eine Brücke auf den Namen „Elend“ taufte. Der Goldstrom aus den Escher Bergen hatte noch nicht zu strömen begonnen, und trotzdem war unsere Heimat schon hineingezogen in das kreisende Wunder der Künste.“

Also redeten die Geister der alten Luxemburger und Luxemburgerinnen zu dem Landsmann von heute, der sich dem Zauber der Schumann’schen Lieder und der süßen alten Zeit hingab, in der es für den Drang der Seelen noch die Sicherheitsventile nicht gab, die die Technik uns seither geschenkt hat. Jener Zeit, durch die, den Menschen ein banges Ahnen, die Keime sich regten, die seither in wunderbaren und in blutigen Saaten aufgegangen sind.

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    Katalognummer BW-AK-014-3211