In jedem Lebensalter steht einem der Sinn nach einem andern Beruf.
Mein erstes Ideal war der Rollefax. Er fuhr durch das Dorf, wie ein Triumphator, in den Croupen seine Rosse und dem Kupfer des Geschirrs spiegelte sich die Sonne, und der Zauber der Stadt war um ihn.
Später, als ich zum ersten Mal einen Zirkus auf der Schobermeß gesehen hatte, stand es bei mir fest, daß ich Jockeyreiter werden müßte. Mein Plan war fertig: Durchbrennen, dem Zirkus nachreisen, erst als Stalljunge Dienst tun, eines Tages vom Direktor überrascht werden, wie ich heimlich die schwierigen Sprünge üben würde, am selben Abend unter dem tosenden Beifall der Menge debütieren usw. Dieses Ideal begann zu verblassen, als ich eines Tages dem Fuchs unseres Nachbarn in die Schwemme reiten durfte und er mich über seine beiden Ohren hinweg in einen tadellosen Koboldschuß in den Bach beförderte.
Dann dachte ich eine Zeitlang daran, ein berühmter Dichter zu werden, fand aber bald, daß die Konkurrenz zu stark war.
Mein Traum, es bis zum massebeherrschenden Volkstribun zu bringen, wurde im Verlauf einer längeren Heiserkeit zuschanden.
Ganz zuletzt meinte ich, es gäbe kein schöneres Leben, als wie es Eichendorff in seinem „Taugenichts“ beschreibt, und demgemäß dachte ich daran, im städtischen Oktroi eine späte Carriere zu machen und es so einzurichten, daß ich die Einnehmerstelle oben am Kuhberg bekäme, wo man den schönen Blick auf die Stadt hat und wegen des steilen Abhangs der Verkehr nicht so unablässig braust, wie in der Ebene. Aber da kam mir wieder die Abschaffung des Oktrois dazwischen.
Jahrelang hatte ich die Ausschau nach einem Idealberuf aufgesteckt, weil ich allmählich die Hohlheit aller eingesehen hatte.
Jetzt aber, seit ein paar Tagen, weiß ich wieder, was ich am liebsten sein möchte.
Bahnwärter. Bahnwärter in einem gemütlichen, heimeligen Bahnwärterhäuschen.
Natürlich nicht an einer großen Landstraße, wo jeden Augenblick ein Auto an die geschlossene Schranke heranschnaubt und der Chauffeur mit impertinentem Gesicht wartet, bis man aufmacht. Er sagt zwar jedesmal: Danke schön! Aber man weiß doch, daß er sich etwas Unanständiges dabei denkt.
Nein, mein Bahnwärterhäuschen müßte irgendwo weit von jedem Dorf und jeder Stadt mitten in den Bergen liegen, aber mit dem Blick in ein Wiesental, durch das der Bach plaudert. Die Hänge hinauf klettern Fichten und Schälwald und Farren und Fingerhut und Glockenblumen. In einer Felsgrotte sprudelt ein glasklares Brünnlein, und an der Sonnenseite des Bahndamms wachsen Erdbeeren. Ein uraltes Brückchen führt über den Bach, darüber geht ein Weg, man weiß nicht woher und weiß nicht wohin. Er verliert sich rechts die Höhen hinauf im grünen Gelaub und kriecht links, kaum daß er über die Brücke ist, wieder unter. Nie, niemals kann ein Automobil diesen Weg fahren und die Stille entheiligen. Ich weiß, um welche Zeit die Züge vorbeidröhnen, das ferne Gebraus der Welt ist in ihnen zusammengedrängt, aber es donnert vorüber und kann uns nichts anhaben. Ab und zu, an Sonntagen, hört man frohe Stimmen durch den Wald, sieht helle Kleider durchs Grün schimmern, Mädchen kommen aus der Stadt mit ihren Schätzen, Blumen im Haar, Lichter in den Augen, süßen Wahnsinn im Blut. Ich setze ihnen Stühle vor mein Wärterhäuschen und gebe ihnen aus meinem glasklaren Brünnlein zu trinken, mit einem Schuß Quetsch vielleicht in jedem Glas, damit ihnen der kühle Trunk nicht zum Übeln gerät. Oder es kommt ein müder, durstiger Fischer den Bahndamm vom Bach heraufgeklettert und lechzt nach einem Schluck meines Bergquells. Dann gehen sie wieder, und ich sitze auf dem Steingeländer der alten Brücke mit einem der vielen Bücher, die in meinem Schrank stehen und die ich nie zu lesen Zeit und Ruhe hatte.
Wäre das nicht ein beneidenswertes Dasein? Aber ich fürchte schr, der Modus vivendi macht mir auch hier wieder einen Strich durch die Rechnung und ich bringe es im Leben nie zu der geträumten Bahnwärterstelle.