„.... Unsre arme kleine Heimat sei schon vor 100 Jahren mit hineingezogen gewesen in das kreisende Wunder der Künste! Wie reimen Sie es alsdann, daß bis auf den heutigen Tag noch keiner von uns im Wege der Kunst oder Dichtung die Welt erobern konnte?“
Lieber Freund, das reimt sich leider haargenau mit den harten Wirklichkeiten des Lebens.
Betrachten Sie sich einmal den Werdegang eines Künstlers oder Schriftstellers hier bei uns und vergleichen Sie ihn mit der Entwicklung seines Kollegen in Frankreich, Deutschland und sogar Belgien. Da Belgien in den Vergleich hineinbezogen wird und das Element Sprache dadurch eine besondere Bedeutung gewinnt, beschränken wir unsere Betrachtung auf das Schrifttum.
Der junge Franzose oder Deutsche steht in dem Augenblick, wo er vor seiner Volksgemeinschaft als Wort in die Erscheinung treten will, nicht allein. Er kommt als Bestandteil sozusagen eines Sternbildes. Auf der Schule, in der Welt der Boheme, im Verein, in der Gesellschaft, überall sind um den, der Führernatur verrät, die Jünger, die ihn anerkennen, seinen Weg bereiten, ihn tragen wie Schwimmblasen. Sehen Sie nur zum Beispiel die Gerhardt HauptmannGemeinde, die ihren Besten durchhielt durch alle Fehlschläge hindurch. Der Mann ist Schöpfer, Erschaffer in einem Element, in dem sich seine eigene Materie fortsetzt bis an unspürbare Grenzen. Er wird von Verlegern und Lesern absorbiert, wie das Plankton vom Fisch. Kein Zivilberuf mit festem Einkommen wirkt wie ein Divan, auf dem er in Dilettantismus verdöst, zuerst Not, äußerer Zwang, dann innere Notwendigkeit entpreßt ihm das Maximum seines Könnens.
Und wir?
Bei uns lautet die gebundene Marschroute unweigerlich: Schule - Beruf - Verdienst - Auchschriftstellerei. Ungezählte Anläufe, jawohl. Nach Dutzenden zählen sie, die auf Prima und auf technischen Schulen zur großen Erleuchtergebärde ausholten, in den ersten Jahren des Philisteriums noch ein paarmal literarisch wetterleuchteten und dann allmählich auf immer erloschen. Andre kämpfen, rühren verzweifelt weiter, damit das Fließende nicht ganz zu trägem Stillstand gerinne, aber jeder steht allein auf weiter Flur, seine Landsleute glauben nicht an ihn, weil sie ihrem Geschmack mißtrauen und annoch die Konsekration des Auslands fehlt, - außerdem wäre ihm mit ihrem Glauben wenig geholfen, - im Ausland findet er keinen Widerhall, weil er nicht von Anbeginn mitschwingt im Klang des Tages - es ist einigermaßen wie bei den Prozessionen, wo der unterwegs Einspringende nicht assimiliert wird.
Es ist nicht immer so, daß wir wegen mangelhafter Beherrschung der Sprache das Ohr der Feinfühligen im Ausland nicht fänden. Wir gehören eben nicht dazu, wir sind nicht vom Bau. Bedenken Sie, welche Widerstände die allerbesten Belgier französischer Zunge in Frankreich zu überwinden haben.
Clara Viebig hat mit ihren Eifelromanen die ganze deutsche Leserwelt erobert. Unsere luxemburger Art, wie sie sich zwischen Schengen und Wemperhardt, zwischen Echternach und Martelingen entfaltet, bietet Stoffe, die episch und dramatisch eine viel reichere Ausbeute liefern könnten, als die Eifel. Trotzdem ist es von vornherein ausgeschlossen, daß sich dafür eine Gemeinde in Deutschland fände. Woran liegt es, daß die Autoren britischer Zunge so lohnenden Absatz finden? Daran, daß der britische Kulturkreis die ganze Welt umspannt.
Wir müssen uns bescheiden. Wer etwas Taugliches schaffen will, muß es der Heimat, der eigenen Umwelt abringen, sonst dichtet er auf dem Umweg über die Bücher, aus zweiter Hand, und bringt nichts hervor, was wert ist, den Tag zu überdauern. Und wenn wir uns dann an den engen Grenzen der Heimat die Köpfe einrennen und die Flügel zerschlagen, wäre es nicht besser, die Grenzen umzulegen?
Ihr müßt wissen, ob es besser und wertvoller ist, eine eigene Heimat haben und dafür auf einige Ruhmesmöglichkeiten für wenige zu verzichten, oder umgekehrt.