So ziemlich die kostbarsten Papiere, die dem gemeinen Mann durch die Finger gehen können, sind ein Tausendfrancschein und ein Liebesbrief von seinem Schatz.
Ich kenne seit kurzem ein drittes: das Telegrammformular der luxemburger Post-, Telegraphen- und Telephonverwaltung.
Dieses Papier ist so kostbar, daß Du um jedes Exemplar Dich an den Schalterbeamten wenden mußt, damit nur ja nicht ein einziges dieser wertvollen Blätter schnöde vergeudet werde.
Und also kann Dir folgendes passieren: Du hast ein dringendes Telegramm aufzugeben, hast dafür aber nur zehn Minuten Zeit. In zehn Minuten kann einer zehn dringende Telegramme aufgeben, wenn er auf keine Hindernisse stößt. In unserer Post stößt er aber auf Hindernisse. Nämlich: Er stürzt an den Telegrammschalter und sieht zu seinem Schrecken, daß schon sieben Leute dort Queue bilden. Als disziplingewohnter Kulturmensch stellt er sich mit in die Reihe und wartet, bis er dran kommt. Draußen fährt seine Elektrische vorüber. „Ich kriege die andre,“ tröstet er sich. Auch die andre fährt vorüber, und die dritte und die vierte. „Ich fahre mit dem späteren Zug,“ denkt er. Denn das Telegramm muß fort. Und nun hat er schon so lang gewartet, nun liegt ihm nichts dran, noch zehn Minuten länger zu warten. Sieben Vordermänner hatte er, sie sind bis auf einen zusammengeschmolzen, aber hinter ihm stehen sieben weitere schon an.
Endlich ist er bis an den Schalter vorgerückt.
„Ein Formular, bitte.“
Wie eine Signalflagge schwenkt ihm der Schalterlöwe ein Blatt entgegen, er zieht sich an das Schreibpult am Fenster gegenüber zurück und bringt sein Telegramm zu Papier.
Natürlich kann er jetzt nicht in die Reihe der Wartenden da wieder einspringen, wo er sie verlassen hat. „Wien ob d’Kiermes gäht, dem seng Plaatz vergäht!“
Jetzt ist er glücklich wieder der zehnte in der Reihe, Die Elektrischen läuten draußen vorbei und singen ihr Kurvenlied um die Ecke, er zählt sie nicht mehr. Jetzt steht er schon fünfundzwanzig Minuten. Und kann von Glück sagen, wenn der Schalterbeamte schließlich nicht eine Unzuträglichkeit an seiner Depesche entdeckt, sodaß er wiederum austreten und wieder zwanzig Minuten einbüßen müßte.
Dies ist ein extremer Fall, aber er kann eintreten. In mehr oder weniger gemilderter Form wird er sich wohl täglich ereignen.
Die Sage geht, daß anderswo, in Paris, London, Berlin und dergleichen Weltstädten die Telegrammformularfrage eine andre Lösung gefunden hat. Leute, die bereits in der Lage waren, in einer dieser Städte ein Telegramm aufzugeben, versichern, dort hätten sie das Formular von einem Notenblock abgerissen oder es einem Behälter entnommen, der bei jedem Griff nur ein Blatt abgibt, grade wie - - Sie wissen schon. Keineswegs aber wären sie gezwungen gewesen, den Schalterbeamten um ein Formular anzugehen. Vielleicht könnte unsere Postverwaltung durch einen Vertrauensmann die Wahrheit dieser Angabe nachkontrollieren lassen und dann der Frage näher treten, ob eventuell vielleicht möglicherweise in etwa denn doch unter Umständen eine Neuerung dieser Art sich auch bei uns durchführen ließe, ohne daß dadurch das Gleichgewicht des Postbüdgets allzusehr gestört würde.