Original

27. Juni 1926

„Da kommt einer!“ sagte Männy und zeigte in die Nichtung der Neuen Brücke.

Da kam wirklich einer. Der „Deutsche im Ausland“ in Reinkultur. Von dem Typus, den auszurotten die klügsten und geistreichsten Deutschen seit Jahrzehnten sich krampfhaft Mühe geben und der siegreich allem Spott, aller Satire, aller Karikatur, allen Beschwörungen trotzt.

Er war nicht übel gewachsen, vielleicht etwas abschüssig in den Schultern, sonst kräftig und gesund. Er trug einen oliv-grün-braunen Touristenanzug, dazu passende Wadenstrümpfe, die nachlässig saßen (als ob sie mit Nüssen gefüllt wären) und als Krönung ein grünes Jägerfilzhütchen mit Gamsbart. Auch hatte er ein Opernglas umhängen und trug einen eichenen Krückstock in der Rechten.

Warum nur um Gottes willen, warum?

Angehörige andrer Völker ziehen auch zu Tausenden und Hunderttausenden zu ihrem Ferienvergnügen in der Welt herum und man kennt sie nach ihrer. Zugehörigkeit sehr wohl auseinander, Engländer, Amerikaner, Franzosen, Holländer, Belgier usw. Jeder von ihnen trägt einen nationalen Habitus zur Schau, nach dem er auf den ersten Blick rubriziert werden kann. Aber keiner von ihnen hat das Bedürfnis, sich in eine Uniform zu stecken, die im Grund genommen eine Vorspiegelung salscher Tatsachen bedeutet. Denn ich bitte Sie, was soll es heißen, wenn sich jeder friedliche Postsekretär, Bauktassierer, Oberlehrer, Spezereiwarenhändler, Weinreisende egal in eine tiroler Jägerkluft steckt und den Eindruck zu erwecken sucht, als gehöre es zu seinen alltäglichen Funktionen, in den Bergen umanand zu kraxeln und Gamsen zu schiaß’n! Wie in aller Welt ist die deutsche Volkspsyche zu dieser abstrusen Vorstellung gekommen, daß es eine Forderung der Ästhetik, daß es sozusagen gesellschaftliche Schutzfärbung sei, sich als Jäger zu verkleiden, wenn man fremde Gegenden ansehen, Museen, Kirchen und Ruinen besuchen, sich ein paar Wochen von der Fron der Berufsarbeit ausruhen will?

Ich will niemand einen unerbetenen Nat geben. Aber wenn ich im Fall wäre, als Deutscher mir aus dem Katalog von Fritz Schulze, München, meine NeiseGarderobe zusammenzustellen, so würde ich mir auf keinen Fall einen Jägerhut mit Gamsbart oder Spielhahnfeder verschreiben, so schön er mir auch zu Gesicht stehen möchte. Ich würde mir immer insgeheim vorstellen: Was würden Deine großen Landsleute Immanuel Kaut, Goethe, Heinrich Heine, Schopenhauer, was wärden die Klügsten Deiner Nation dazu sagen, nicht einmal zu reden von Olaf Gulbrausson!

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3215