Original

30. Juni 1926

Als nun Schild und Speer der Kunstjünger gegen einander dröhnten, fiel mir eine Gestalt ein, für die ich einmal in meiner Jugend geschwärmt hatte. Der gewaltige und gewalttätige Schmiedemeister aus dem Elsaß, Maître Daniel Rock, dessen Schicksale Erckmann-Chatrian in einem ihrer bekanntesten Romane geschildert haben. Er war ingrimmig in das verbissen, widersetzte sich dem Bau der Eisenbahn, die in die stillen Täler seiner Heimat die Verderbnis der Großstädte tragen würde, und als er bei der Einweihung der Bahn sich dem ersten Zug mit seinen Söhnen in den Weg stellte, wurde er natürlich t gefahren. Und ich konnte dazumal nicht umhin, den grimmen Schmied gegen das fahrige Volk-Recht zu geben, das im Roman den neuen Geist verkörpert.

Nicht daß ich jetzt im Guten oder Übeln die einen mit Daniel Rock und die andern mit seinen Widersachern vergleichen möchte. Nicht die Personen der Geschichte, sondern das Werk selber nehmen wir als Vergleich und Symbol.

Als der Roman erschien, galt er - und noch lange Zeit darnach - als Meisterwerk. Der Aufbau, der Darstellung, die Treffsicherheit im Charakterisieren der Menschen, alles wurde bewundert.

Nun stellen Sie sich bitte vor, wie beispielsweise René Schickele sich heute mit diesem Stoff abfinden würde, oder auch, wie umgekehrt Erckmann-Chatrian das Materielle aus Schickele’s „Erbe am Rhein“ gestaltet haben würden: Denken Sie über solche Gegenüberstellung nur fünf Minuten lang nach, so wird Ihnen sonnenklar, daß auch an die Malerei heute andre Maßstäbe angelegt werden dürfen, als vor fünfzig Jahren.

Jede Zeit hat die Maler, die sie verdient. Und zwar: die sie verdient in Anschauung der möglichkeiten, die sie bietet, und ihres Verhaltens zum Objekt.

Niemand wird leugnen, daß unsre Zeit unendlich reicher ist an Visionsmöglichkeiten, als das vergangene Jahrhundert. Allein schon das Tempo, in dem sich die Menschheit bewegt und die verschwenderische Fülle künstlichen Lichtes, die uns die Technik beschert genügen, eine Reihensolge von Visionen zu erzeuge@ von denen unsre Großväter und Großmütter nicht einmal träumten.

Daß diesem Reichtum an neuen und neuartigen Visionen ein Anreiz entspricht, der die Künstlerpsyche in ungeahnte Schwingungen versetzen muß, liegt auf der Hand. Ich laß mir den Kopf abschlagen, aber vor fünfzig Jahren hätte ein Maler unmöglich den Rollingergrund oder Dillingen so sehen können, wie sie fef Kutter in seinen Bildern gesehen hat, weil ein Maler vor fünfzig Jahren nie die traumhaftndringliche Erscheinung erlebt haben konnte, die einem über die Netzhaut gleitet, wenn man auf einer nächtlichen Autofahrt plötzlich eine Häusergruppe gespenstisch vom Lichtkegel der beiden Sonnen aus der Nacht gehoben sieht, in seltsam gesteigerter Leuchtkraft der Farben und ebenso seltsam labilem Fall der Linien und Flächen.

Es gibt eine Ballade in Prosa von Jakob Schaffner: Der Meilenstein. Ein Müller verunglückt nachts mit @iner Fuhre. Eine Vision ähnlich einem dieser Dorfbilder von Kutter. Clara Viebig hätte es anders geschrieben und es wäre auch ein schönes, starkes Bild daraus geworden. Aber das Bild von Schaffner bliebe gegen das Bild von Clara Viebig ein modernes Bild, trotzdem es schon an die fünfzehn Jahre alt ist.

Das und noch viel mehr wäre über die erweiterten Visionsmöglichkeiten unserer Zeit und ihre Einwirkung auf die Geistigkeit der Künstler zu sagen.

Ein anderes ist das Verhalten unsrer Zeit und ihrer Kunst zum Objekt. Wir haben die Achtung vor dem Objekt eingebüßt. Wir kennen in keinem Betracht mehr das jurare in verba magistri. Spott, kaltes Zerlegen, Achselzucken liegen uns näher, als Verehrung. Was ist natürlicher, als daß, um mit André de Ridder (Artikel Kunstsalon) zu reden, der Künstler „freiwillig die naturgegebenen Formen zerbricht, .... um seine Eigenart noch schärfer herauszugeben.“ .... Daß „der eigene Gedanke, das persönliche Gefühl des Künstlers die Natur und die Reihenfolge der Darbietungen übersieht, sichtet, nach einer einheitlichen Vision zusammenstellt, zu größerer Eindringlichkeit ordnet“, daß „der Sinn und die Bedeutung eines Bildes nicht mehr im Dargestellten, sondern im eigentlichen Gemälde selbst wurzeln“.

Dazu kann man sich bekennen, ohne die neue Kunstreligion als alleinseligmachend auszurusen: Man kann für Rembrandt schwärmen und Van Gogh verstehen. Aber nun stellt sich die Frage des Porträts. Da sind zweie maßgebend: der Maler, der die naturgegebene Form zerbrechen, das Dargestellte dem eigentlichen Gemälde unterordnen, sein persönliches Gefühl aufdrängen will. Und der andre, der hauptsächlich auf die naturgegebene Form und auf sein eigenes persönliches Gefühl Wert legt.

Den schicken Sie zum Photographen? Wohl, aber wahrscheinlich wäre die Photographie nie erfunden worden, wenn es nicht allezeit große Maler gegeben hätte, die fanden, daß bei einem Porträt die naturgegebene Form auch so etwas wie eine Hauptsache sei.

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    Katalognummer BW-AK-014-3217