Original

2. Juli 1926

Diesen Brief richte ich voller Entrüstung an zwei unbekannte Bierauto-Chauffeure. Ich nenne sie absichtlich nicht Rollefax, es wäre eine Entweihung.

Also Ihr zweibeide seid an dem Abend hoffentlich der Polizei in die Hände gelaufen und aufgeschrieben worden. Ihr seid ein Paar Prachtlümmel, an denen jeder Richter, der Euch verknaxen darf, seine Freude haben muß.

Zeit und Ort der Handlung: Am vergangenen Dienstag Abend, kurz nach zehn. Escher Straße kurz vor Hollerich, wo das starke Gefälle ist. Beleuchtung null. Die eine, westliche Seite des Straßenbandes hat einen so dunkeln Belag, daß sich davon nichts abhebt. Die andre ist heller.

Eine Dame und ein Herr kommen von Hollerich herauf stadtwärts auf der dunkeln Seite der Straße. Überm Plaudern hören sie in einiger Entfernung Wagengepolter, sehen aber nichts: Bis sie auf einmal entsetzt seitwärts in den Graben springen. Dicht vor ihnen ist nämlich so ein Wagenleviathan aufgetaucht. Von Lichtern keine Spur, von Huppe kein Hauch. Wie ein verrückt gewordenes Ungetüm rast das ungeschlachte Möbel im Sechzigkilometertempo weiter den Berg hinunter, entschlossen, jedes Hindernis, sei es Hund, Katze, Kuh, Mensch und alles was sein ist jauchzend zu überrennen.

Die Dame und der Herr waren sich kaum der Todesgefahr, in der sie geschwebt hatten, bewußt geworden und hatten noch nicht Zeit gehabt, zu einem empörten Meinungsaustausch richtig Atem zu holen, als auf Handbreite an ihnen vorbei eine zweite Rolle toste, der ersten dicht auf, wie eine Art Reservetotfahrer, der völlig zu Schanden knatschen sollte, was der erste noch nicht ganz erledigt hätte Die Dame und ihr Begleiter rochen deutlich die warmgelaufenen Gummireifen der Räder.

Etwa eine halhe Stunde vorher hatten in Hollerich zwei Polizisten einem jungen Mädchen, das an ihnen vorbeiradelte, nachgerufen, wo sie ihre Laterne hätte. Und doch ist kaum zu befürchten, daß ein junges Mädchen auf dem Rad bei einem Zusammenprall mit etwas Lebendigem diesem groß Leid zufügen könnte. Im Gegenteil! höre ich aus dem Hintergrund den Chor meiner jungen Leser versichern.

Ihr aber, Ihr sitzt droben hinter Euerm Steuer wie auf einem Gottesthron, von dem Ihr über Tod und Leben Eurer Mitmenschen gebietet. Ich begreife und entschuldige, daß Ihr Euch irgendwo festkneipt und Euch auf der Heimfahrt verspätet, daß vielleicht Eure Lampen defekt sind, aber dann rast bitte nicht wie ausgebrochene Bullen über die Straßen, fahrt ein Tempo, bei dem Ihr jederzeit Euern Wagen in der Hand habt, gebt Signal und bedenkt, daß ein Menschenleben am Ende soviel wert sein möchte, wie Eure Bequemlichkeit.

Ich weiß, was Ihr zu antworten habt: daß Ihr alsdann die Polizei auf Euch aufmerksam macht und Ihr erwischt werdet und Euer Herr Buße bezahlen muß.

Da muß ich sagen, es ist mir wirklich angenehmer, Euer Herr blecht einige Hunderter, als daß mich einer von Euch auf der Chaussee zu Marmelade vermahlt.

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    Katalognummer BW-AK-014-3219