Original

3. Juli 1926

Wenn Sie einmal nicht wissen, was Sie mit einem angebrochenen Nachmittag anfangen, so steigen Sie in die Elektrische nach Bonneweg und fahren .....

Was sagen Sie? Was rümpfen Sie die Nase? An Bonneweg sei doch nichts Anziehendes, Sie kennen dort nur die Schule, in der Sie bei den Wahlen Ihre Stimme abgeben müssen, Bonneweg sei weiter nichts, als ein rauchiger Vorort, in dem ingrimmig Politik getrieben wird. Merkwürdig sei höchstens der Kirchturm, der einzige im Land, der nicht in eine Spitze, sondern in einen Schraubenzieher auslaufe.

Sie sind im Irrtum. Bonneweg ist mehr und besser als ein Tummelplatz der Politik und der Politiker. Also fahren Sie mit der Elektrischen bis zur Endstation am Kirchhof. Von dort gehen Sie etwa hundert Meter weiter, an einer kleinen Häusergruppe vorbei, wo links ein Feldweg in sanfter Steigung und mehrfach getrümmt die Anhöhe hinanführt. Kühe grasen in den Pferchen den Weg entlang, Männer in Hemdärmeln und Frauen in weißen Kopftüchern türmen Heuballen auf Wagen, und ganz oben bleiben Sie stehen und schicken Ihre Blicke in die Runde. Von der laubgrünen Höhe von Drei Eicheln und den dahinter dämmernden Waldesrücken gleiten sie in geschlossenem Kreis über den Horizont, über Grünewald, die Garnicher und Dippacher Höhen, die Erzberge, die in breit ausladendem Schwung die Südwestgrenze des Landes bezeichnen, über Fetschenhof zurück zu den Höhen, die mit den kriegerischen Namen verschwundener Festungswerke in unsere verschämt friedliche Gegenwart ragen. Und dicht vor Ihren Füßen vertieft sich der Boden zu einem großen Teller, aus dem es von Schilf und Ried dunkler grünt und ab und zu ein Stückchen Wasserlache den Himmel spiegelt. Niemand kann Ihnen vorläufig verbieten, zu glauben, daß unsere keltischen Vorfahren einmal hier ihre Pfahlbauten in einem Mardell errichtet hatten ‚von dem aus sie die Gegend überblicken konnten, wenn sie auf die höchsten Bäume kletterten.

Gehen Sie weiter, so mündet Ihr Feldweg in die Itziger Straße, und dieser folgen Sie rechts bis zum Itziger Steg, der in der Gegend mindestens so berühmt ist, wie der Pont Neuf in Paris. Wer hat nicht in seinen Lausbubentagen am Itziger Steg gefischt und gebadet, von intimeren Angelegenheiten zu schweigen?

Gehen Sie hinunter bis auf die Brücke, setzen Sie sich zum Ausruhen auf das Steingeländer und hängen Sie Ihre Gedanken in das glasklare, blaugrüne Wasser der Alzette.

Jawohl, der Alzette! Sie haben richtig gehört. Und wenn Sie ein Mensch mit fühlender Seele sind, so können Sie sich einer Art Rührung nicht erwehren. Dieses schmutzgeweihte Wasser, das in stundenlangem Lauf, sich selbst und seinen reinen Instinkten überlassen, sich von der Schändung und Besudelung durch die dröhnende Hölle der Eisenwerke wieder entsühnt hat, strömt jetzt ahnungslos einer viel schlimmeren Verseuchung durch die Stadt entgegen. Wie ein blauäugiges Landmädel nach Paris oder Brüssel in Dienst geht. Man sieht es wie ein Wunder an, daß dies Flüßchen, das eine Stunde talab zu einer trüben, stinkenden Kloake wird, hier brunnenhell dahinströmt, mit blanken Spiegelflächen und gurgelnden Schnellen, ganz wie seine glücklichen Brüder, die nirgends von den Menschen vergiftet werden. Und man möchte wirklich unsre arme, mißbrauchte Alzette „la Dame aux Camélias“ nennen.

Aber jetzt lassen Sie Ihre letzte Träumerei mit der dunkel blaugrünen Flut entschwimmen und treten den Rückweg an. Die alten Pappeln haben den Weg mit den weißen Wollbällchen ihrer Blüte überstreut, oben sehen Sie die Stadt wie ein graues Riesentier mit den Schuppen ihrer Dächer im Schein der Abendsonne blinken, Sie kommen niederwärts an wunderbar traulichen Häuschen vorbei, in deren Vorgärten Rosen und Lilien und Kaiserkronen und Löwenmäulchen und Geranien leidenschaftlich blühen. Und Sie freuen sich, daß sich diese Menschen nicht mehr mit den nüchternen, viereckigen Häuserkasten begnügen, in die keine Poesie des eigenen Heims hineinempfunden! ist, daß nicht mehr das Unterdachsein allein der Zweck war. Und wenn Sie wieder einmal den Namen Bonneweg hören, hat er für Sie einen ganz andern Klang.

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    Katalognummer BW-AK-014-3220