Original

4. Juli 1926

Wir wünschen alle, das versteht sich am Rand, der diesjährigen und allen zukünftigen Luxemburger Mustermessen einen vollen, einen überschäumenden Erfolg.

Aber darf man dem Leitungsausschuß einen Wunsch vortragen?

Er soll an der Neuen Brücke, Bahnhofseite, das Reklameschild entfernen, solange es noch Zeit ist.

Denn dies Schild sieht verboten aus.

Zwei magere Beine, von denen eines schon schief steht, tragen quer oben einen beschriebenen Streifen, der von der Mustermesse kündet.

Das Ganze ist wahrhaftig nicht schön, und dazu ist es unverhältnismäßig dürftig. Und es wirkt grade an dieser Stelle ärgerlich.

Die Bedeutung unsrer Mustermesse würde es rechtfertigen, daß für sie eine schöne, künstlerische, Reklame gemacht würde. Diese ist nicht schön und sie ist nicht künstlerisch. Bei Gott nein! Sie wäre zu verstehen, wenn auf dem Schild zu lesen wäre: Bauplätze zu verkaufen! oder: Schuttablagerung verboten!

Und sie ist dürftig. Sie steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung der Mustermesse. Ein Fremder, der sich für diese interessiert, muß verblüfft sein, wenn er dies banale, hagere zweibeinige Gebilde erblickt.

Und dazu ausgerechnet an dieser Stelle!

Anderswo geht man gegen die Verschimpfierung der Landschaften durch die Reklame gesetzlich vor. Dies Schild steht an einem der schönsten Aussichtspunkte der Stadt. Der Fremde, der vom Bahnhof kommt, sieht nach Dampf und Rauch und Staub zum ersten Mal üppige Laubmassen aus dem Tal herauf quellen, er freut sich auf den freien Blick und strebt darauf zu - da richten sich aufdringlich die beiden Stangen mit dem beschriebenen Querstreifen vor ihr auf, wollen auch ins Bild gehören, fordern Beachtung vor allem andern. Wie lästige Camelots, die vor dem Theater Programme anpreisen: „Bitte mein Herr! Sie wollen die Landschaft sehen? Können Sie immer noch! Erst komme ich! Sehen Sie mich an! Lesen Sie! - Was? Sie gehen vorbei! Sie beachten mich nicht! Sie wollen nichts wissen von der Mustermesse! Sie finden die ollen Festungswälle und die Petruß interessanter! Oh, wenn Sie wüßten, mein Herr!“

Die Leitung der Mustermesse sollte einmal einen Mann in der Nähe dieses Reklameschildes verstecken und beobachten lassen, wieviele Passanten stehen bleiben, um es zu lesen.

Es ist immer verkehrt, die Aufmerksamkeit des Publikums für etwas zu beanspruchen in einem Augenblick und an einem Ort, wo es mehr Interesse für etwas anderes hat. Wäre es beispielsweise nicht zweckmäßiger gewesen, an den verschiedenen Stadteingängen Plakate anzubringen mit einer einfachen Kartenskizze, die den Weg nach der Mustermesse von dem Ort des Anschlags aus gezeigt hätten?

Alles wäre besser gewesen, als dies dürftige, unästhetische Schild an einem Platz, wo es die Landschaft verschandelt und den Beschauer mehr ärgert, als interessiert.

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    Katalognummer BW-AK-014-3221