Wiederholt erging in diesen Tagen an uns die Frage, warum bis jetzt in der „Luxemburger Zeitung“ die übliche Besprechung der Jahresausstellung des Kunstvereine nicht erschienen ist.
Wir wollen kein Blatt vor den Mund nehmen und ohne Umschweife Rede und Antwort stehen.
Wenn Sie unsern Beweggründen bis in die seelische Werkstatt nachgehen wollen, wo die Entschlüsse aus allerhand dunkeln Empfindungen destilliert werden, so werden Sie finden, daß Bescheidenheit unser Verhalten bestimmt.
Für den Saal der Modernen hat der Kunstverein einen auswärtigen, anerkannten Fachmann verschrieben, dessen Urteil auf gründlichem Studium und umfassender Kenntnis der Materie beruht, dessen Wort in den Kreisen der Kunstinteressenten Gewicht hat und in weiter Runde ein Echo findet.
Der Kunstverein hat in diesem Betracht getan, was er tun mußte. Moderne Malerei geht dem Verständnis des Laien, der an ein Bild nur die hergebrachten Maßstäbe legen kann, nicht ohne weiters ein. Er reagiert darauf mit Spott und Gelächter und ahnt nicht, wie weit er an der Wahrheit vorbei lacht und sportet. Wenn ihm einer aus seiner eigenen Umwelt klar zu machen sucht, daß da doch am Ende eine Kunst entstanden sei, die die Welt aus einem andern Gesichtswinkel betrachtet und in ihrer Art das Wahre trifft, so macht das auf ihn keinen Eindruck. Denn er versteht von Kunst so viel, wie der andere, nicht wahr? Stutzig wird er erst, wenn von außerhalb her der Hebel an die Welt seiner Überzeugung gesetzt wird. Sie braucht nicht gleich aus den Angeln gehoben zu werden, aber sie kommt ins Wanken.
Das war der Kunstverein seinen jüngeren Mitgliedern schuldig, die sonst mit ihren Werken in der Wüste gepredigt hätten. Er hat ihnen einen Johannes den Täufer gedungen und das war recht.
Aber nun sollen die anderen, die Alten, die Vertreter eines mehr oder weniger modernisierten oder eines ganz verstockten und darum nicht schlechteren Verismus dem Dilettantismus der heimischen Kunstberichterstatter verfallen, statt ebenfalls die Ehre einer durchaus und anerkannt fachmännischen Besprechung zu erfahren!
Wir in der „Luxemburger Zeitung“ waren die Jahre her in der glücklichen Lage, unsern Lesern einen Bericht über den Kunstsalon aus der Feder eines Berufenen zu bieten. Er glaubte, dieses Jahr auf eine Besprechung verzichten zu, sollen, aus Gründen, deren Stichhaltigkeit wir anerkennen müssen, so sehr wir auch sein Versagen bedauern. Außerdem wäre die Wirkung seines Berichts zumal unter den heuer gegebenen Umständen durch dessen Anonymität beeinträchtigt.
Was den Modernen recht war, hätte den „Alten“ billig sein müssen. Wir haben dem Kunstverein in seine Angelegenheiten nicht drein zu reden. Aber von außen gesehen wäre es unbedingt richtig gewesen, auch für die realistische Nichtung unserer luxemburger Künstlerschaft einen anerkannten auswärtigen Sachverständigen heranzuziehen.
Denn was könnten sich die „Alten“ auf das Lob eines hiesigen Dilettanten einbilden, was bräuchten sie sich an seinen Tadel zu kehren, nachdem die moderne Konkurrenz sich auf eine richtige Autorität berufen kann?
Sehen Sie nicht ein, daß wir lieber keine Besprechung veröffentlichen, als uns mit einer aufzudrängen, die unter den diesjährigen Verhältnissen nur arg unmaßgeblich sein könnte?