Original

7. Juli 1926

Heute ist der Tag im Jahr, der unsern Kindern gehört. Er gehört ihnen mit all den Prächten, die der Sommer entfalten kann, wenn er will. Sonst war er in die feierliche Schwüle großer und kleiner Sale gebannt und roch nach Schweiß, Seife und Pomade. Heute ist es ein Tag, an dem auch der „Herr“ miewirkt, dies quam fecit dominus, der Herr über Regen und Sonnenschein.

Ihr Buben und Mädels von heutzutage wißt gar nicht, wie schön Ihr es habt.

Als wir jung waren, war das Papier König. Alles, was sich in freier Luft obspielte, war ein Luxus, mit dem die Pädagogen so sparsam umgingen, wie in den heutigen teuern Zeiten die Hausfrauen mit der Butter. Das Schulleben roch nach vergilbten Scharteten. Die Pädagogen taten wichtig und sagten mit hochgerecktem Zeigefinger: Mens sana in corpore sano! Und: Not scholae, sed vitae discimus! Und statt dann dementsprechend uns austollen und mit dem Leben Fühlung nehmen zu dürfen, mußten wir eins nach dem andern die Vokabeln jener beiden Sprüche abwandeln und in der Grammatik an den Stellen aufhängen, wo sie hingehörten.

Heute ist Gott sei Dank die Schule nicht mehr so hermetisch gegen das Leben und seine Wirklichkeiten und seinen Lustzug abgeschlossen. Das äußert sich am deutlichsten in dieser Ersetzung der alten Preiseverteilungen durch Schulfeste im Freien. Zum Entsetzen der Leute mit Klausurpsyche.

Was waren früher diese Preiseverteilungen? Eine schwüle Sache, eine pädagogische Hypertrophie mit allerhand Nebengeschmäckern, Eifersüchtelei, Verdächtigungen, Neidhammelei - alles übertrieben durch die Atmosphäre und die Optik des geschlossenen Raumes, alles geschraubte Unnatur, Untugenden der Erwachsenen, in die Kinderseele projiziert.

Alle diese ollen Kamellen sind zum Glück an der freien Luft zergangen. Aus dem Schuljahrschluß ist ein wirkliches Fest der Kinder geworden, ein Fest, das ihnen gehört, weil sie daran tätig mitwirken. Da liegt seine große Bedeutung. Das Leben besteht für jeden aus tätiger Mitwirkung - und so entlehnt dies Fest dem Leben seine Art und seinen Rhythmus.

Kinder freuen sich über nichts mehr, als wenn sie mit anfassen können. Das ist ihr stärkster Trieb: Sich betätigen, nicht ruhig sitzen, bis die andern fertig geredet und fertig gesungen haben, selbst mit dazu gehören und selbst sich regen und eine Rolle spielen.

Unsere Jugend von heute wird sich glücklich bewußt, daß der Begriff Schule nicht nur dumpfe Räume, Tintenflecken an den Fingern und Eselsohren an den Büchern umfaßt, sondern daß die Schule, jawohl, die verhaßte und gefürchtete und langweilige Schule auf einmal als solche auch mit Freiheit, mit blauem Himmel, mit Lachen und Jauchzen und Tanzen und Springen im blanken Sonnenschein zu tun hat - und darüber hinaus im Keim schon mit allem, woraus das praktische Leben gemacht ist. Die Augen unserer Kinder stellen sich auf die Entfernungen der Wirklichkeit ein, ihre Ohren auf die Akustik der freien Weiten, sie fühlen sich nicht mehr nur der Schulbank, dem Lehrer, sie fühlen sich der Öffentlichkeit verantwortlich.

Laßt meinetwegen die Veranstaltungen in Einzelheiten hapern, wenn nur die Idee sich durchsetzt, denn sie ist aus der Zeit geboren.

Konzentrierung ist schön und gut, aber wer vor lauter Konzentrierung ein weltfremder peregrinus in Israël wird, der kommt unter die Räder. Jagt sie hinaus aufs Wasser, die jungen Entchen, und laßt die Henne besorgt am Ufer glucken, sie weiß es nicht besser.

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    Katalognummer BW-AK-014-3223