Ganz am Ende des Dorfes lag ihre kleine, saubere Tagelöhnerhütte, mit dem Staketenzaun um das Gärtchen, in dem jeden Sommer die hohen Sonnenblumen wuchsen. Da wohnte die alte Gret mit ihrem Mann allein, nachdem ihre sieben Kinder sich in alle Welt zerstreut hatten.
Als ich ihr guten Tage gesagt und sie gefragt hatte, wie es ihr ginge, wartete sie nicht erst, bis ich mich auch nach dem Wohlbefinden ihres Tunn erkundigte, sondern beeilte sich mit der Auskunft: „Er ist im Weinberg.“
Er! Nie hatte ich ihn von ihr anders nennen gehört, als „Er“. Andre Frauen sagen: Onsen Hare’, e’se Franz, eise Jaung - die alte Gret sagt immer nur „Er“. Er mit großem Ansangsbuchstaben.
Die Silbe ist voll Majestät. Sie bedeutet im Munde der alten Gret eine Synthesis des ganzen Männergeschlechts, in ihr lebt alles, was in Hosen geht, rechts knöpft, einen Bart hat und stark ist. Das alles mit seinen Vorzügen und Nachteilen, mit den schönen Tagen und Nächten, mit Kuß und Prügel ist in den zwei Buchstaben verkörpert.
Er ist für sie der Einzige, wie Adam für Eva der Einzige war. Alle andern Männer bedeuten ihr überflüssige Änßerlichkeiten, die zu ihr keine Beziehung haben. In teiner Sekunde, auch dann nicht, wenn Er sich von seiner schlimmsten Seite gezeigt hatte, war sie von dem Gedanken angerührt worden, daß an seiner Stelle ein andrer, Besserer stehen könnte. Er ist, als ob er an ihr gewachsen wäre, ein Stück von ihr und doch nicht ihrer Wesenheit, ein Prinzip des Kampfes und der Verschmelzung zugleich. Sie ist die eine Hälfte der Welt, er ist die andre. Alles übrige steht draußen herum und gehört nicht dazu.
Bildet sich das Wörtchen auf ihrer Zunge, so ist in ihr das ganze Leben gegenwärtig, das sie mit ihm gelebt hat von dem Tage an, wo er ihr Mann und sie sein Weib geworden ist: Ihr Leben, ihre Hütte, die Gewann rings herum, die Wände, die Decken, die Fenster, die Schwelle, die Sonnenblumen im Garten, der Staketenzaun, die Jahre, in denen die Kinder groß wuchsen, Arbeit, Sorge, Kreuz und Leid und Lust, Sorge auch um ihn, wenn er krank war oder sich betrank und sie schlug. Er war über und unter ihr und um sie, er war das Geschlecht, das ihr Geschlecht ergänzte, er war der Teil der Menschheit, der sein mußte, damit sie ein Ganzes wurde.
Wenn sie „Er“ sagt, so klingen darin Verehrung, Zartlichkeit, Besitzergreifung und Hingabe. Die Anhänger der Monogamie sollten die alte Gret und ihren Mann - wie heißt er gleich? - als die Patrone ihres Glanbens ausrufen.