Original

27. Juli 1926

Sie erzählen, es habe in den Zeitungen gestanden. in Ostende oder Blankenberghe habe die Menge zwei Deutsche gezüchtigt, die sich geweigert hatten, bei den Klängen der „Brabançonne“ aufzustehen. Ein Kellner habe einem deutschen Gast eine volle Platte auf dem Kopf zerschlagen, weil er in ihm einen Unteroffizier erkannte, der ihn im Gefangenenlager von Ohrdruff gepiesackt hatte. In Paris haben Autocars mit Amerikanern auf den Boulevards Wogen von Xenophobie ins Wallen gebracht. In Luxemburg soll am Samstag Abend ein Holländer, der während der „Marseillaise“ auf dem Paradeplatz sitzen blieb, während die Tausende um ihn herum barhaupt und stehend zuhörten, auf ein Haar Boxerunruhen verursacht haben.

Wie soll man sich zu solchen Aufwallungen der Volksseele stellen?

Nehmen wir speziell unsern Fall. Da sind dreie beteiligt: 1) der sitzengebliebene Holländer; 2) die empörten Luxemburger; 3) die Franzosen als unsere Gäste.

Erstens: der sitzengebliebene Holländer. Er kommt als valutastarker Ausländer zu uns und steht auf dem Standpunkt: Ich bezahle, also laßt mir meine Ruh und klabastert mir den Buckel hinauf. Zumal wenn Ihr, wie Ihr sagt, ein neutrales Volk seid.

Gewiß. Aber es mag einer Gulden in der Tasche haben, so viel er will, wenn er ein wohlerzogener Mensch ist, so besteht für ihn im Umgang mit andern eine erste Pflicht: Die Höflichkeit. Nun braucht gegen niemand unhöflich zu sein, wenn ich beim Absingen der „Marseillaise“ sitzen bleibe. Ich kann dafür sogar als Holländer, meine Gründe haben. Bin ich aber in der Fremde, mitten in einer Bevölkerung, als deren Gast ich mich zu betrachten habe, und diese Bevölkerung vollzieht öffentlich, feierlich, begeistert einen Höflichkeitsakt durch Aufstehen, so ist mein Sitzenbleiben mehr als eine Unhöflichkeit, es ist ein Protest und eine Herausforderung, mehr als das: Eine Geschmacklosigkeit. Der Holländer sagt damit Ihr zieht vor Frankreich den Hut, Ihr habt Unrecht ich weiß es besser, es verdient nicht, daß man vor ihm den Hut zieht und aufsteht, darum bleibe ich Euch zum Trotz sitzen und behalte meinen Deckel auf!

Wenn ihm darauf einer den Deckel vom Kopf schlüge oder auf dem Kopf eintriebe, so hätte er nur was er verdiente. Denn es ärgert uns, wenn jemand sagt: Du verschwendest deine Höflichkeit an einen, der sie nicht verdient. Aber da man bekanntlich nichts im Ärger tun soll, so hätte wiederum der Unrecht, der dem Holländer den Filz eintriebe. Ich kann beim besten Willen in diesem Vorkommnis kein Rohmaterial zu Heldentaten erblicken. Das Verprügeln des Delinquenten ist keine Heldentat, das Sitzenbleiben erst recht nicht. Es ist, wie gesagt eine Geschmacklosigkeit, und die ist nicht mit Prügel zu bestrafen, sondern mit Verachtung. Nichts kennzeichnet den Knoten, wie das Sichauffälligmachen. Wir bescheinigen dem Ausländer, der in unserer Mitte sich auffällig von einer landesüblichen Höflichkeitsgebärde ausschließt. mit Vergnügen, daß er ein Knoten ist, aber wir regen uns über ihn nicht auf, so wenig wie zum Beispiel über den enggerippten Prinzipienreiter, der beim Vorbeifahren eines Leichenwagens die Majestät des Todes nicht grüßt, weil dahinter die Geistlichkeit kommt, die ihm zuwider ist.

Unsere französischen Gäste: Sie wissen Bescheid, auch ohne daß wir den Fremden verprügeln. Sie wünschen nur, daß wir ihn behandeln, wie sie ihn behandeln würden, mit mehr Humor als Entrüstung.

Dann bleibt von der ganzen Aufregung nur ein Häufchen krämerhafter Kleinlichkeit übrig.

Die Sitzengebliebenen haben sowieso immer Unecht.

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    Katalognummer BW-AK-014-3240