Als ich vor einigen Tagen den Lesern der Zeitung das Stückchen alte Chronik über das Kartenspiel mitteilte, ahnte ich nicht, daß ich damit den Gelehrten ins Handwerk pfuschte. Herr Pfarrer Jacoby von hier schickt mir einen Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens 1910, worin er unter dem Titel „Eine geistliche Auslegung des Kartenspiels“ Folgendes mitteilte:
„In meiner Gemeinde Weitersweiler fiel mir vor einiger Zeit das folgende geschriebene Blatt in die Hände.“ Und nun kommt die Erzählung von dem Soldaten mit dem Kartenspiel, in einer etwas abweichenden, jedenfalls altertümlicheren Fassung. Der Verfasser knüpft daran folgende interessante Ausführungen:
„Über die Herkunft des Blattes konnte ich weiter nichts erfahren, als daß die Besitzerin es immer als Eigentum ihres längst verstorbenen Vaters kannte, und da sie selbst die Siebzig überschritten hat, so gehört dasselbe wohl sicher in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, Der Schrift nach möchte ich es zwischen 1820 und 1840 setzen, soweit hier ein Urteil gegeben werden kann.
„Die Erzählung ist durch eine Untersuchung Boltes (Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 1901, XI. 376-406) ins Licht der Volkskunde gestellt worden. Nach seinen Ergebnissen finden wir eine Fülle Rezensionen in französischer, englischer, schwedischer, dänischer, isländischer, deutscher, niederländischer, spanischer, portugiesischer und italienischer Sprache. Allein von der deutschen Fassung zählt er acht verschiedene auf, teils gedruckt, teils handschriftlich, alle mehr oder weniger übereinstimmend. Sie stammen mehrfach aus Handschriften von Soldaten, dann aus der Volksüberlieferung z. B. Nügens, Mecklenburgs und Österreichs; zwei sind gedruckte Flugblätter, das eine aus Bremen, um 1875 gedruckt, das andere wahrscheinlich zwischen 1805 und 1814 in Hannover gedruckt. Von den bei Bolte gegebenen deutschen Rezensionen weicht die unsere in einigen unwesentlichen Punkten und im Ausdruck hie und da ab. Bolte weist auch das Aufkommen dieser geistlichen Deutungen des Kartenspiels bereits im 15. Jahrhundert nach.
„Bolte hat zu diesen Zahlenspielereien auch mit Recht die sogenannten Stundenlieder mit geistlicher Deutung verglichen. Auch diese sind im Elsaß bekannt gewesen. Die alte Hanauer Agende von 1659, die der Buchsweiler Superintendent G. Wegelin besorgt hat, bringt im ersten Teil, S. 70 ff., in der Anleitung zur sonntäglichen Hausandacht die Rede auf das Spirituale Horarium, das geistliche Uhrwerk aus des Gerhard Schola Pietatis I. 2 c. 8 medit. 8. Es heißt dort zum Schlag-Eins: «Wanns Eins schlägt / so betrachte in deinem Hertzen: daß ein einiger Gott sey / welchen wir ehren / vnd Ihm allein dienen sollen. Daß ein einiger Mitler zwischen Gott vnd den Menschen sey / nemlich der Mensch Christus Jesus / welchem wir durch Glauben vnd Liebe sollen anhangen. Daß ein Geist sey / welcher alle geistliche Glieder am Leib Christi zusammen verbindet / vnd dieselbe zu allem guten treibet» u. s. f. durch alle 12 Stunden. Auf S. 78 folgte dann eine ähnliche «Tagsstundenbetrachtung genommen auß dem schoenen Nürnbergischen Newgeistreichen Handbuch», welche Wegelin, da sie manches andere bietet, auch ausführlich dort beisetzt. Sie schließt mit den Worten: «Vnd also sihest du / mein liber Christ / was für schöne erinnerung du bey einer jeden Stund haben kanst / wirst du solcher anweisung nachkommen / so wirst du eine jegliche Stund wol anwenden» (S. 86).
„Eine solche Betrachtung, verbunden mit dem Kartenspiel und der Rahmenerzählung von dem klugen Soldaten, ist unsere Erzählung.“ (Schon um 1750 als Flugblatt gedruckt. Vgl. auch Ratzebergers Literar-Almanach für 1827, 202. Archiv f. Literaturgesch. 14, 219. R. Köhler, Aufsätze über Märchen u. Volkslieder 1894, 73.)