„So ernst heute, Herr Grimmberger?“
„Ich war gestern abend auf einem Junggesellenabschied.“
„Aha!“
„Ach nein, nicht was Sie glauben. Obgleich die Zahl der Gäste, in die Zahl der Flaschen dividiert, sicher einen überlebensgroßen Quotienten ergab. Aber ich bin leider der Katermöglichkeit entwachsen. Katzenjammer ist ein Privileg der Jugend, weil nur die Jugend fähig ist, Genüsse zu übertreiben. Wir gehen behutsam durch enge Türen, sie stürmt blindlings durch weite Tore. Nur sie kann sich den Kopf anrennen.“
„Und trotzdem so tiefsinnig?“
„Sie scheinen den Junggesellenabschied als etwas Leichtfertiges, Frivoles, rein als eine causa bibendi aufzufassen.“
„Ich war allerdings .....“
„Natürlich. Das sieht nicht weiter, als seine Nasenspitze. Wissen Sie, mein Herr, daß ein Junggesellenabschied zu den ernstesten Angelegenheiten des Daseins zählt! Er ist ernster, als ein Begräbnis, weil hier der Tote nach dem Begräbnis noch weiter lebt - in einem besseren oder schlechteren Jenseits, wer vermag es zu sagen!“
„Wer wird so grüblerisch ....!“
„Gar nicht grüblerisch. Aber man muß dem Leben ins Auge sehen. Schiller wußte, was er sagte: Drum prüfe, wer sich ewig bindet! Er war verheiratet. Und wie sagt unser Dicks? Die Ehe ist ein Hühnerhaus, die einen gackern, weil sie heraus, die andern, weil sie hinein wollen. Es ist gar nicht so einfach. Ein Handschuh und ein Handschuh sind noch kein Paar Handschuhe, ein Mann und eine Frau sind noch lang keine Ehe.“
„Na, ich nehme an, diesmal ist es ein Treffer.“
„Ich bin davon überzeugt. Ich schließe es daraus, daß der Jubilar der Ernsteste der ganzen Corona war. Der tut ganz gewiß keinen Schritt ins Ungewisse. Er ist sich der Wichtigkeit seines Entschlusses bewußt. Die Junggesellen, die es nicht direkt angeht, machen sich nicht klar, was auf dem Spiel steht. Sie betrachten die Ehe wie einen Kirschkuchen, von dem sie immer nur die Kirschen genascht haben. Sie lachen ein wenig aus Schadenfreude, weil sie denken, der andere werde außer den Kirschen auch den trocknen Teig essen müssen. Oder sie lachen gar, wie man lacht, wenn man einen Bekannten in etwas Weiches treten sieht. Manchmal ist die Schadenfreude leicht durch einen Schuß Neid angebittert, aber sie wissen, das dauert nicht lang.
Die Verheirateten verhalten sich ganz anders. Das spürt der Jubilar sofort heraus. Sie treten ihn an mit einer rührenden Bereitschaft zur Solidarität. Solidarität in Freude und Leid. Die einen empfangen ihn, wie Leute, die an einer gut besetzten Tafel einen neuen Gast empfangen, dem sie Glück wünschen, daß auch er dies vorzügliche Hotel ausbaldowert hat. Die andern kommen ihm bieder und wehmütig und hilfsbereit, wie einem neuen Ankömmling in einem Gefangenenlager.“
„Sind Sie verheiratet, Herr Grimmberger?“
„Wie meinen Sie es?“
„Was ist da zu meinen?“
„Bitte sehr, der Volksmund kennt hier eine Nüance, die anderswo unbekannt ist. Hier kann man erstens heiraten, zweitens verheiratet werden. „Ech hu mech bestuet,“ klingt ganz anders, als „Ech si bestuet gin.“ Man unterscheidet zwischen aktiver und passiver Heirat.“
„Also sind Sie verheiratet worden oder haben Sie geheiratet, Herr Grimmberger?“
„Ich bin verheiratet, mein Herr. Das genügt. Sind Sie es noch nicht, so gebe ich Ihnen einen Rat: Heiraten Sie nie, bevor Sie sich auf Herz und Nieren geprüft haben, daß Sie verzeihen, vergeben, vergessen können.“