Wir sprachen vom Theater. Alle waren einig, daß in unsern Spielplan mehr Abwechslung kommen müsse. Das Gebotene sei in seiner Art vorzüglich, indes man sehe immer nur die eine, dieselbe Facette des mannigfaltigen Theaterbetriebes, immer nur das Pariser Boulevardstück.
Es liegt auf der Hand, daß eine Pariser Theatertournee nur mit künstlerischen und finanziellen Sicherheiten rechnen und sich nicht auf Experimente einlassen kann. Sie kann nur mit Erprobtem arbeiten, sich nur auf der goldnen Mittelstraße durch die Provinz schlängeln.
„Wir möchten auch aus der außerfranzösischen Bühnenliteratur Stichproben sehen,“ verlangte einer.
„Aber nicht von französischen Truppen,“ sagte ein anderer. „Die Franzosen sind in der Geographie schlecht zuhause. Nicht, weil sie für Geographie kein Organ hätten, im Gegenteil. Aber ihr Land ist so schön, daß sie für das Ausland nur ein schwaches Interesse aufbringen. Ihr Verständnis für das Ausland ist durch die Bewunderung der eigenen Heimat beeinträchtigt. Dies mangelhafte Verständnis für alles Ausländische erstreckt sich auch auf Kunst und Literatur. Sie verstehen das Fremde nur im Zusammenhang mit dem Eigenen, bringen alles unter den gemeinsamen Nenner französischer Kunstanschauung. Wo sie für eine Auswahl auf sich angewiesen sind, kommt es meist zu Mißgriffen. Siehe Alraune (Mandragore). Das ist ein Schulbeispiel französischer Anpassungsart. Fremde Bühnenwerke sollten wir uns nur auf dem Umweg über Deutschland verschreiben. Der Deutsche besitzt eine starke Fähigkeit, sich zu veräußern, in fremde Richtungen sich hineinzuarbeiten, er trachtet skrupulöser nach Erfassung und Erschließung fremder Eigenart ohne Zurechtstutzung nach seinem Geschmack und Empfinden. Von Shakespeare bis Ibsen über Molière und Rostand (siehe die trefflichen Übertragungen) hat kein fremdes Ingenium treuere Weitergabe, gewissenhaftere Wiedergeburt gefunden, als auf deutschen Bühnen. Um von unserm geistigen Kapital nichts einzubüßen, müßten wir unbedingt in jeder Spielzeit wenigstens ein paar gute deutsche Vorstellungen bei uns ermöglichen.“
„Einverstanden!“ sagte ein alter Herr, und eine milde Erregung färbte seine Wangen an den Backenknochen zart rot. „Aber nicht der ewige Schiller, wenn ich bitten darf. Der „Wallenstein“ kommt einem immer noch zum Hals raus. Moderne Stücke brauchen wir, „Die Journalisten“ von Freytag, „Gräfin Lea“ von Paul Lindau, à la bonne heure! Da ist was dran, das ist aus dem Leben gegriffen. Oder wenn Sie uns noch moderner kommen wollen, meinetwegen „Harold“ von Wildenbruch, oder die „Geier-Wally“ von der Wilhelmine von Hillern, vielleicht sogar das eine oder andre aus der abgeklärten Zeit Gerhardt Hauptmanns. Und dann, meine Herren, die großen Skandinavier, die Ibsen, Björnson, Strindberg. Das sind Stücke, aus denen Sie die lebendige Gegenwart mit heißem Atem anspringt, das rüttelt auf, das entläßt Euch das Publikum mit emporgewirbelten Gedanken und Gefühlen, das tut uns not in unserm Froschteich, unserm Pogfred dahier.“
Der alte Herr hatte sich in eine blühende Aufregung hineingeredet, schöne Erinnerungen aus der Zeit, wo er als junger Handlungsreisender ein Jahr in Deutschland gelebt und fürs Theater geschwärmt hatte, waren in ihm hochgekommen.
Da sagte jemand: „Sie haben recht, es würde uns bereichern, wenn wir hier von Zeit zu Zeit gutes deutsches Theater sehen könnten. Und wir können es sehen. Ich wohnte kürzlich im Trierer Stadttheater einer Aufführung des vielbesprochenen Schauspiels „Überfahrt“ von Sutton Vane bei. Man bekam einen Begriff von den Anstrengungen, die das deutsche Theater macht, um dichten Anschluß an die komplizierte Seele der Zeit zu finden und zu behalten. Man fuhr lange Strecken durch Neuland, das nicht immer schön, aber immer interessant war, es stieg nicht eine Minute lang der Wunsch auf, daß das Spiel zu Ende ginge. Und nun geht mir eben ein Auszug aus dem Spieplan des Trierer Stadttheaters 1926-1927 zu. Hören Sie: Lion Feuchtwanger, „Vasantasena“; Gerhardt Hauptmann, „Dorothea Angermann“, „Und Pippa tanzt“, „Die Ratten“; Georg Kaiser, „Zweimal Oliver“; Kalidasa, „Sakuntala“; Klabund, „Der Kreidekreis“; Paul Raynal, „Das Grabmal des unbekannten Soldaten“ (Le tombeau sous l’Arc de Triomphe); Romain Rolland, „Das Spiel um Tod und Liebe“; Bernhard Shaw, „Die heilige Johanna“; Strindberg, „Die Kronbraut“, „Schwanenweis“; Sudermann, „Ehre“.
Goethe, „Faust“ (beide Teile an einem Abend, nach der neuesten Mederowschen Bearbeitung).
Grillparzer, „Der Traum ein Leben“; Hebbel, „Herodes und Mariamne“; Kleist, „Prinz Friedrich von Homburg“; Shakespeare, „Hamlet“, „Ein Wintermärchen“; Schilier, „Die Jungfrau von Orleans“ (als Gegenüberstellung zur „Heiligen Johanna“).
Außerdem noch andere, moderne und ilassische S
Meine Herren, wenn die Mark so weiter fällt (Stimmen im Zentrum: Malen Sie den Teufel nicht an die Wand!) wird es möglich sein, für uns auf diesem Speisezettel eine Auswahl zu treffen.“ stimmung auf den meisten Bänken.)
Der alte Herr mit den rosa Wänglein: „Sind sie sicher, daß da auch moderne Stücke dabei sind?“