Original

6. August 1926

Das Jahrbuch 1926 der A. G. E. L., vulgo Assoss, ist ein Zeitdokument.

Es hat seinen Hauptzweck erfüllt, nachdem es den mehr oder weniger schriftstellerisch begabten Mitgliedern einen Weg in die Öffentlichkeit gebahnt hat.

An einer Stelle des Buches beklagt sich die Leitung der Assoss, daß sie keine Mitarbeiter finden konnte.

Ich bin der Ansicht, daß sich für dergleichen Veröffentlichungen leichter Mitarbeiter finden, als Leser.

Die Jungen lesen sie kaum, weil sie finden, daß sie es bessęr gekonnt hätten, und daß die einzelnen Aufsätze in ihren Forderungen und Verurteilungen nicht weit genug gehen. Zählt ein Buch dieser Art zwanzig Mitarbeiter. so wird es sicher von zwanzig Leuten gelesen, der einundzwanzigste geht in den Kauf.

Alle übrigen Nichtleser begehen eine geistige Unterschlagung gegen sich selbst.

Zumal, wenn sie den älteren Semestern angehören.

Denn dies sind Bücher für die Alten.

Aus ihnen lernen die Alten, was sie besser gemacht haben, als es die Jungen machen können, und was die Jungen besser machen, also folglich auch, daß die Jungen Vieles besser machen. Ein Trost und eine Lehre.

Ein angehender Advokat nimmt die Schuljugend in Schutz gegen allerhand Vorwürfe, die die Väter heutzutage ihren Söhnen machen. Daß die Jungen von heute keine alten Sprachen mehr lernen und über die Klassiker zur Tagesordnung übergehen wollen, erklärt er damit, daß das junge Geschlecht von der Notwendigkeit durchdrungen ist, mit dem Leben handgemein zu werden, seine Tatkraft nur in bar auszugeben, um dafür sofort greifbare Ergebnisse zu buchen.

Ein junger Mann, auf den diese Deutung paßt, verrät durch andere Anzeichen, als die Scheu vor Horaz und Klopstock, daß er ein Kind seiner Zeit ist. Aber es gibt auch die, die für solche Scheu als einzige Entschuldigung ihre Faulheit haben.

Raymond Kahn zeichnet in perspektivischer Verkürzung ein interessantes Bild der Marie Bashkirtseff, in veristischer Farbenmischung, ohne Schwulst und ohne verhimmelnde Verzeichnungen. Er stellt sie in die klare Atmosphäre, in der unsere Zeit die Dinge und Menschen zu sehen verlangt.

T. N. (Tony Neuman?) schreibt über „Den Aufbau“, als dessen Endergebnis er den Verzicht auf Nationalität, auf Staats- und Volkssouveränität und deren Ersetzung durch ein organisch gegliedertes PanEuropa sieht. Er ist stolz, „daß in den letzten Wochen ein weitsichtiges Ehrenmitglied der Assoss einen Ausschuß von deutschen und französischen Wirtschaftlern und Intellektuellen hier vereinigt hat, um einen Schritt vorwärts zu tun zur deutsch-französischen Verständigung, zur Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsgebietes“. Es handelt sich bekanntlich um die Schaffung eines unparteiischen Informationsbüros je in Paris und Berlin, dessen Aufgabe es sein soll, die leider so häufigen und leicht vermeidbaren Mißverständnisse zwischen beiden Völkern dauernd zu beseitigen. Wir alle können stolz sein, daß die Initiative zu diesem Werk und seine langwierige, sorgfältige Vorbereitung das Verdienst eines Luxemburgers, Herrn Em. Mayrisch, sind.

Es kann hier unmöglich auf den reichen Inhalt des Jahrbuchs einzeln eingegangen werden. Nur zwei Aufsätze seien hervorgehoben, die nach Inhalt und Form besenders interessant sind, zumal sie auch zu einem Vergleich herausfordern: „Die parlamentarische Geschichte des Staatsstreichs von 1856“, von Albert Wehrer, und „Die doppelte Schichtung des französischen Volkes“ von Frantz Clément-Paris.

Herr Wehrer hat das Quellenmaterial gründlich durchpflügt, sein Aufsatz reiht methodisch eine Entwicklung an die andere und gibt ein deutliches Bild der Vorgänge, aus allernächster Nähe gesehen, und dennoch in der Beleuchtung nicht der Zeit zwischen 1815 und 1868, sondern der heutigen geschichtlichen und völkerpsychologischen Einstellung.

Frantz Clément bestärkt uns mit jedem neuen Aufsatz in der Überzeugung, daß er in die vorderste Reihe der lebenden Essayisten gehört. In der Arbeit, die er zum Jahrbuch der Assoss beigesteuert hat, verrät sich eine Beherrschung der Materie, wie sie nur von höchster Warte möglich ist. Franty Clément weiß nicht nur, er ordnet, er sieht Zusammenhänge, die sich zeitlich und räumlich weithin auswirken und deren Auswirkungen er in überraschende Zusammenhänge bringt. Sein Stil ist von nie versagender Ausdrucksmöglichkeit und schillernder Leuchtkraft, wie aus dem Stoff selbst gekeltert, den er in Worte formt.

Dort ein forscher Militärmarsch, in Weise und Rhythmus zeit- und parteigebunden, hier die Symphonie höheren Niveaus.

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    Katalognummer BW-AK-014-3249