Original

24. September 1926

An der Moselbrücke in Remich trank ich mit meinem Freund aus England ein Glas Grächen als Aperitif. Wir saßen auf der Terrasse und genossen den Blick auf das lässige Hafentreiben und den silbern überdunsteten Hof Remich in dem verdösten Wohlsein von Leuten, die bis über die Ohren in Pflichtenlosigkeit sitzen.

„Wundervoll,“ stellte der Mann aus England fest. „Wie heißt der Landlord?“

„Klopp.“

„Oh, Klopp. Sehr gut.“

In der Bellevue aßen wir Mittag. Wieder auf der Terrasse, natürlich. Während wir nachher unser Täßchen Schwarzen schlürften - wo Damen die Herrschast führen, ist der Kaffee immer vorzüglich - scheuchte der Sohn des Hauses einige indiskrete Gäste von den Pfirsichbäumen im Obstgarten.

„Wundervoll,“ sagte mein Freund. „Wie heißt er?“

„Klopp.“

„Oh, Klopp? Sehr gut.“

Zu Nacht aßen wir auf der Terrasse in Ehnen, Es dämmerte, der Wasserspiegel moselauf war regungslos, als sei ihm von oben eingeschärft, den entschlafenen Himmel, der auf ihm ruhte, nur ja nicht zu wecken.

„Wundervoll!“ sagte der Engländer. „Dieser große Mann ist der Landlord. Wie heißt er?“

„Klopp.“

„Oh, Klopp? (Mit betontem Fragezeichen.) Sehr gut.“

Mein Freund schrieb darauf in eine englische Zeitung:

„Die Mosel ist ein schöner Fluß mit lauter Terrassen, wo alle Leute Klopp heißen.“

Dies bedarf heute einer Berichtigung.

Zu den bestehenden Moselterrassen, die im Land und über die Grenzen berühmt sind, ist eine neue hinzugekommen. Wie Dicks von den Schlössern dort herum nach einer alten Sage erzählt, dem Teufel sei bei Remich, als er die Schlösser säte, der Sack aufgegangen, so wird man eines Tages auch von den Moselterrassen sagen.

Diesmal heißt der Landlord ausnahmsweise nicht Klopp. Aber die neue Terrasse hat eine Geschichte. Sie ist nach einem Stück Gewann getauft, das die Remicher Stadtgemeinde vor 80-90 Jahren aus dem Gemeindewalde herausschnitt, damit die Nemicher, die mittellos aus Bresilien heimkamen, ihr Brot und ihre Kartoffeln bauen könnten. Ein bekannter liberaler Parteiführer baute sich vor 36 Jahren ein Schlößchen in den Waldstreifen, der das Buschland vom Moseltal trennt, der schöne Besitz ging von Hand zu Hand, bis er nun als Touristenhotel und Ausflugsort sozusagen zum Gemeingut geworden ist.

Hier legt der Wald, der auf zerklüfteter Felswand die Straße begleitet, kühle Nachmittagsschatten über Weg und Strom, hier können wir es erleben, daß sich über kurz oder lang am Moseluser, von dem sich das Bett sachte nach drüben bis zu reichlicher Schwimmtiefe senkt, ein richtiges Strandbad auftut, hier führen alle Pfade zu Sehenswürdigkeiten, alten und neuen, von den Caves St. Martin bis zum Mosaikboden von Nennig, von den römisch-keltischen Kulturspuren im Remicher Wald bis zu der neuen Musterweinbananstalt, die der junge Weinbaudirektor Kiefser mit Sachkenntnis und Inbrunst leitet; hier geht eine Heerstraße des Tourismus durch, bis hieher schlagen die Pulse des internationalen Verkehrs, hier weißt Du: Mit den grünen Moselwellen treibt die Ferne Dir zu und auf ihnen treibt Dein Welisehnen mit zutal.

Und tief unten gleitet langsam der Fluß in behäbiger Breite, und eine sonore Männerstimme kündet aus Paris durch Funkspruch, daß in Frankreich nur noch zwei Gerichte pro Mahlzeit verabreicht werden dürfen, und die Frau Wirtin lächelt dazu mild und verständnisvoll.

Ich weiß nicht, ob Du dort immer gebackene Fische bekommst. Aber Gräten findest Du immer, wenn Du genau nachsiehst.

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    Katalognummer BW-AK-014-3251