Im Anfang schuf der liebe Gett die Pflaume. Aber als er sie sich bei Licht besah, schüttelte er den Kopf und sagte: Nein, so war es nicht gemeint. Dies ist ein schwacher Versuch. Jetzt schaffen wir die Zwetsche.“
Und er schuf die Zwetsche.
Sie ist keine Notschöpfung, wie die Pflaume, hurtig auf den Markt gebracht, damit kein Stillstand im Geschäft kommt. Sie ist reif durchdacht und solid gearbeitet. Sie zieht den ganzen Sommer über aus dem Voden Saft und Süße, und sie hat Körper und Rückgrat. Sie gibt aus. Man darf ihr was zumuten. Man möchte sagen, sie steht ihren Mann.
In diesen Herbsttagen kenne ich keine treuere Freundin, als die Zwetsche.
Darum muß es einem leid tun, wenn man tagtäglich zusieht, wie sie von schnöden Krämern versklavt wird. Mit hohen Wagen ziehen sie durch die Dörfer, halten vorm Wirtshaus, haben Geldiaschen um die Lenden gegürtet und bieten 75, 100 Franken für den Zentner, den sie für 150, 200, 250 Franken in den Städten verkaufen. Sklavenhändler, die mit unserer schlanken, süßen Freundin kurzen Prozeß machen, „Immer rin in’s Vergnügen!“
Die Traube ist vornehmer. Sie beruft sich auf das Geistige. Sie ist die große Dame, die den Ton angibt, von der das Jahr seinen Namen hat. Bei 1921 denkt fortan jeder Kulturmensch doch nur an den Wein, nicht wahr?
Aber die Zwetsche ist das bescheidene, betuliche, treue Hausmütterchen, sorgt für Küche und Keller zugleich. Was den Hessen nach einem alten Volksspruch die Birne ist, ist uns die Zwetsche. Wir essen sie, wir trinken sie, wir haben sie aufs Brot zu schmieren.
Schon halb unreif ist sie genießbar. Sie sträubt sich noch ein wenig und erquickt doch schon. Wenn Du an einem sonnigen Ferientag mit staubgrauen Wanderschuhen an einem Zwetschenbaum vorbeigehst, dessen Früchte auf der Sonnseite schon braunblau gefärbt sind, kannst Du nicht widerstehen. Acht Tage später zieht es Dich wieder hin, aus dem Backfisch ist schon eine Jungfrau geworden, noch acht Tage später und die ganz reife Frucht kracht Dir berstend unter den Zähnen und spritzt Dir aus goldigem Fleisch den Mund voll süßen Saftes.
Dann siehst Du wohl den Jampier und den Pitt und den Franz mit Korb und Leiter zum Dorf hinaus ziehen, und dann ist eines Tages der Händler da und trägt in das Idyll des Dorfes die nackte Häßlichkeit des Geschäfts ums Geschäft. Das Bargeld wird aus einem verschämten Aschenbrödelchen zur mundfixen Metze, die die Straße unsicher macht. Die Zwetsche versinkt im Strudel des Marktes.
Es ist tröstlich, wie dann doch noch der „Gebeiß“Kessel von Haus zu Haus geht, wie die Hausfrauen im Backen von Zwetschenkuchen wetteifern, wie hie und da ein Faß mit kostbarem Inhalt einen Deckel von festgebläutem Erdreich erhält und der Winternacht entgegenharrt, in der ihm der Geist ausgeräuchert und als glasklarer Zwetschenbranntwein eingefangen wird. Teuer wird er, über die Maßen teuer, aber einem gesunden Luxemburger ist für einen echten Quetsch kein Geld ans Herz gewachsen. Das ist konzentriertes Behagen, das ist Vergeben und Vergessen aller Boshaftigkeit des Lebens gegenüber. Freilich, echt muß er sein, und Diener muß er bleiben. Denn als Herr ist er eine üble Nummer. Unsere belgischen Freunde, die ihn oft zu tief ins Vertrauen ziehen, wissen davon ein Liedchen zu singen.
Daß die Zwetsche, wenn sie im Feuer sich vergeistigt und gewissermaßen Ewigkeitsform annimmt, auch das Geschlecht wechselt und männlich wird - denn man sagt: der Quetsch - ist kein Tort, den sie dem ewig Weiblichen antun will, sondern lediglich eine Laune des Sprachgebrauchs, was hier ausdrücklich angemerkt sein soll.