Original

26. September 1926

Das Fußgehen ist als Gehkonkurrenz über Nacht berühmt geworden.

Niemand wird über Nacht berühmt, der es nicht, wie man sagt, in sich hat.

Gehen ist das Erste, was der Mensch aus sich heraus lernen muß, was ihm nicht, wie Essen, Trinken, Sehen und Hören angeboren ist. Gehen ist die erste Anstrengung, die er macht, um von der Welt Besitz zu ergreifen. Je weiter einer um sich herum kommt, desto mehr gehört ihm von der Welt. Auf nichts hat der Menschengeist so viel Scharfsinn und zähes Durch- halten verwandt, wie auf das Schaffen neuer und sicherer Fortbewegungsmittel. Jede gesteigerte Fähigkeit, vom Fleck zu kommen, ist ein Schritt weiter zur Ablösung aus unsrer Erdgebundenheit.

Darum war es selbstverständlich, daß das Volk aufhorchte, als es hieß, hier sollte der erste Fuß- und inwettstreit ausgefochten werden.

Da war jeder ganz auf sich gestellt. Nur der Mann halt - und die Frau, natürlich. Kein Fabrikat kam in Frage. Es war ausgeschlossen, daß eine Fabrik hinterher in die Zeitung rückte: „Meine Beine - Schenkel - Waden - Füße sind die besten, billigsten, dauerhaftesten. Alleiniger Vertreter für Luxemburg! Anatol Schrobiltgen.“ Wer siegte, brauchte keiner Marke dafür zu danken, nur seinem Schöpfer. Und wenn er unterwegs eine Panne bekam, lag es ausschließlich an ihm.

Darum erhitzte sich die öffentliche Meinung für die erste Gehkonkurrenz so über die Maßen. Man muß draußen, an unsrer Kulturperipherie gesessen und gehört haben, wie sich das Interesse an dem Unternehmen auswirkte.

„Euer Camill ist ein Teufelskerl!“ sagten sie bewundernd.

Und dann sannen sie lange nach und erörterten, wie die Kontrolle hinters Licht zu führen sei. Wenn einer sagte, es sei doch sehr einfach, so und so sei es zu machen, flugs war ein andrer da und wußte, wie der Logler abzufassen sei. Jedenfalls dachten alle zuerst dran, wie sie es eventuell machen würden, um - ücken wir es elegant aus - um ihren Beinen mit ihrem Kopf zu Hilfe zu kommen.

Selbstverständlich kam die Rede auch auf die Chancen der Bekannten, deren Namen man unter den Anmeldungen gelesen hatte. Die meisten setzten auf heins Fränz“. Man nannte Rekordleistungen von ihm. Er war einmal von Metz bis Remich zu Fuß gegangen - ich glaube, weil ihm seine Frau ein Knäblein geboren hatte, sagten sie. - Und er sei stark den Knochen gebaut und ausdauernd. Und die ältern Leute hätten auf „lange Bahn“ überhaupt die besseren Chancen.

Andere Gehphänomene aus ihrem Bekanntenkreis wurden erwähnt. So zum Beispiel war der Grussens nnes einmal nach Trier gewandert mit einer ach“ im Tuch, und als er an den Dom kam, war Käs. Ein andrer war nach Trier gepilgert, um den heiligen Rock zu sehen. Zur Rückfahrt fand er sich viel zu früh am Bahnhof ein, die Zeit wurde ihm lang, er pfiff auf die Eisenbahn und nahm die Straße unter die Füße, und als er nachhause kam, lief grade auch sein Zug drüben ein.

Ach, sagten sie, das war alles gar nichts. Früher gingen jeden Herbst die Mädchen mit schweren Hotten voll Trauben nach Luxemburg auf den Markt, bekamen fünf, sechs Sous fürs Pfund und kamen abends vergnügt zu Fuß zurück.

„Ich weiß es von meiner Mutter,“ sagte der Neckel. Einmal war unterwegs einer die Hotte umgekippt, raffte die Trauben von der Straße wieder in den Korb und gab sie auf dem Markt um zwei Sous billiger.“

„Ja ja,“ meinten sie, „die Zeit geht vorwärts.“ Freilich, wenn die Zeit einmal eine Gehkonkurrenz mitmacht, wette ich auf sie. Denn sie geht schnell, und nichts kann sie aufhalten.

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    Katalognummer BW-AK-014-3253